Ludwigslust : Übervolle Auftragsbücher

Christina Ritter leitet die Paramentenwerkstatt des Bethlehemstiftes. Fotos: Hennes (3)
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Christina Ritter leitet die Paramentenwerkstatt des Bethlehemstiftes. Fotos: Hennes (3)

In Mecklenburgs einziger Paramentenwerkstatt entstehen gewebte Unikate für Altare, Kanzeln oder Lesepulte

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16. November 2014, 07:48 Uhr

„Haben Sie noch mehr dieser schönen Stolen?“, will eine Besucherin von Angelika Wächter wissen. Sie überlegt noch als schon der nächste Gast fragt: „Woraus sind denn diese Hede-Handtücher gemacht?“

Wenn die Paramentenwerkstatt auf dem Gelände des Stiftes Bethlehem einmal im Jahr ihre Türen öffnet, dann wird es voll. Besucher lassen sich nicht nur die Technik an den Webstühlen erklären, sie wollen auch kaufen und haben ganz viele Fragen. Wie wird man Paramentiker? Wie entstehen die Motive für die gewebten Vorhänge? Und wie lange arbeitet man daran?

Angelika Wächter gehört zu den wenigen Paramentikern, die ihren Beruf von der Pike auf - damals noch in Dresden - gelernt haben. „Heute wird in diesem Handwerk gar nicht mehr ausgebildet“, sagt sie. „Wir sind die Dinosaurier der Paramentik und arbeiten in einem aussterbenden Beruf.“

Die Werkstatt in Ludwigslust ist die einzige ihrer Art in ganz Mecklenburg. Dementsprechend voll sind die Auftragsbücher: Kirchgemeinden aus Rostock, Hamburg, Soest oder Strasburg benötigen Antependien, schmückende Vorhänge für Altare und Kanzeln. Vor Ort in den Kirchen beraten Pastoren gemeinsam mit den Paramentikern über Motiv, Farben und Größe - bevor Angelika Wächter und Christina Ritter dann wochenlang an ihren Webstühlen daran arbeiten. Gerade webt Angelika Wächter einen Altar-Vorhang für die Kirche in Basthorst. In grün, blau, gelb. Findet sie die passende Wolle nicht, dann färbt sie nach oder improvisiert, indem sie Fäden miteinander mischt. Das dauert oft Wochen. Ein Grund, warum andere Kunden, die persönlich vorbeischauen und ganz individuell genähte Gardinen wollen, oft lange warten müssen. „Sie sind da sehr geduldig, auch wenn es ein Jahr dauert“, sagt Angelika Wächter.

Beim Tag der offenen Tür gestern wechselt sie oft ihren Platz am Webstuhl mit der Kasse oder der Küche. Sie füllt Milch für den Kaffee nach, blättert mit Gästen in Katalogen und antwortet auf Fragen.

Die Hede-Handtücher sind übrigens aus Leinenresten gemacht. „Sie kratzen am Anfang. Deshalb benutzen sie viele erst als Tischläufer. Aber mit der Zeit werden sie weich und angenehm“, sagt Wächter. Das Leinen dafür werde in der benachbarten Gemeinde Picher gesponnen. Ein echtes Mecklenburger Unikat also.

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