Grabow : Trotz Handicap zum Wunschberuf

Raik Wegner bei der Nanoversiegelung an einem Caravan. Als gehörloser Azubi absolviert der27-Jährige bei der Firma Giemsch eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker.
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Raik Wegner bei der Nanoversiegelung an einem Caravan. Als gehörloser Azubi absolviert der27-Jährige bei der Firma Giemsch eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker.

Raik Wegner (27) absolviert als gehörloser junger Mann eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker bei der Grabower Firma Giemsch

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07. März 2016, 17:00 Uhr

Eigentlich kam Raik Wegner aus Ludwigslust als Kunde zur Kfz-Firma Giemsch nach Grabow, weil er Probleme mit seinem Auto hatte. Aber er konnte nicht sagen, warum sein Wagen nicht funktionierte, denn der junge Mann hat ein Handicap - er ist total gehörlos. „Aber wir haben bei uns einen Gesellen, Nico Reimann, der die Gebärdensprache perfekt beherrscht, weil seine Eltern auch gehörlos sind“, sagte Diana Giemsch, die zusammen mit ihrem Mann Bernd das Unternehmen leitet.

Vielleicht war Raik auch deshalb nach Grabow gekommen, weil sich herumgesprochen hatte, dass der Handwerksbetrieb auch für den Gehörlosenverband Ludwigslust Aufträge übernimmt.

Nico Reimann konnte dem jungen Mann also helfen, und so nebenbei erzählte Raik Wegner ihm, dass er in seinem jetzigen Ausbildungsbetrieb unglücklich sei. Und er fragte gleich an, ob ihn nicht die Firma Giemsch übernehmen könne. Er interessiere sich sehr für Technik und Fahrzeuge und das hier wäre etwas für ihn. „So hat er noch während des 1. Ausbildungsjahres gewechselt und ist seit Juni 2015 hier bei uns“, so Chefin Diana Giemsch. Im Sommer beginnt für den heute 27-Jährigen dann das 2. Lehrjahr als Kfz-Mechatroniker.

Diana Giemsch war anfangs recht skeptisch, weil sie nicht wusste, wie es mit der Verständigung klappen würde. In einer Probearbeitszeit sollte sich dann zeigen, wie das aussehen könnte, wie der junge Mann zurecht kommt. „Allein aus der Bereitschaft heraus, für die Probearbeit Urlaub zu nehmen, war uns klar, den Raik nehmen wir“, zeigte sich Diana Giemsch beeindruckt. Im Alltag war es dann doch viel leichter, als es sich alle in der Firma vorgestellt hatten. „Wir haben alle ein Stück Gebärdensprache angenommen, können ihm Zeichen geben, wenn es z. B. an den Reifenwechsel geht. Man glaubt es nicht, aber es funktioniert“, freut sich Diana Giemsch. Im Team ist Raik jetzt richtig gut drin, auch privat läuft es bei ihm. Er ist jetzt Vater geworden, seine Freundin, die ebenso gehörlos ist, brachte im Januar Tochter Lilly zur Welt.

„Ein gehörloser Auszubildender – das ist auch für uns eine ganz neue Erfahrung, aber eine absolute Bereicherung, Verständnis für einander aufzubringen. Und Raik kann auch Worte vom Mund ablesen, wenn wir die Worte ordentlich formen. Ansonsten bleibt ja noch die Verständigung mit Händen und Füßen“, lächelt Diana Giemsch.

Es ist halt eben keine einfache Sache, sehr aufwändig und zeitintensiv. So berichtet Diana Giemsch davon, dass allein das Ausfüllen des Lehrvertrages bis hin zur Unterzeichnung eineinhalb Stunden gedauert hat. In der Berufsschule in Hagenow selbst lernt Raik gemeinsam mit den anderen Azubis in einer Klasse, auch mit dem ungarischen Azubi der Firma Giemsch. „Raik stehen an einem Unterrichstag zwei Dolmetscher für Gebärdensprache zur Seite. Die beiden Fachkräfte teilen sich die Zeit, je drei Stunden, die Kosten dafür übernimmt das Integrationsamt in Schwerin.“

Dreieinhalb Jahre dauert für Raik Wegner die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Die praktische Ausbildung absolviert er bei der Firma Giemsch, die Handwerkskammer Schwerin bietet überbetriebliche Ausbildung an. Vier bis fünf Lehrgänge kommen da auf Raik zu, in die Werkstatt kommen dann zwei Gebärden-Dolmetscher, die das Fachwissen übersetzen. „Ich fühle mich persönlich hier in Grabow sehr wohl“, übersetzte für uns der Gebärdendolmetscher Raiks Aussagen. Vor allem freut es ihn, dass so viele Kollegen mit ihm mitlernen, das sei er so nicht gewohnt. Und dann freut er sich über die vielen Fahrzeugtypen und dass er an jedem Fahrzeug arbeiten darf. „Ich würde sehr gern in der Firma bleiben. Das ist mein absoluter Wunschberuf.“

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