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Ludwigsluster Tageblatt

11. Dezember 2017 | 04:56 Uhr

Kummer : Tokio ist sein großes Ziel

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Dominique Lehmann trainiert auf dem Handbike für seinen Traum: Er will bei den Paralympics 2020 starten – und siegen

von
erstellt am 27.Sep.2014 | 07:00 Uhr

Wenn Dominique auf seinem Handbike liegt und über den Asphalt rollt, fühlt er sich frei. Frei und unabhängig. Im Leben des 23-Jährigen ist das nicht immer so. Seit einem schweren Motorradunfall sitzt Dominique im Rollstuhl.

Von einer Minute auf die andere war sein zuvor gewohntes Leben damals vorbei. Schluss mit der freiwilligen Feuerwehr, mit Einsätzen und Wettkämpfen. Schluss mit der gerade begonnenen Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker und der Arbeit mit den Traktoren, die ihn von Kindheit an begeisterten. Schluss mit den Dingen also, die dem damals 19-Jährigen am wichtigsten waren. Doch jetzt hat Dominique neue Ziele. Olympische. Auf dem Weg dorthin will er an diesem Wochenende einen weiteren Meilenstein setzen. Beim Berlin-Marathon strebt er über die rund 42 Kilometer eine Zeit von einer Stunde und 15 Minuten an. Zwar noch rund 15 Minuten vom Weltrekord entfernt, aber 21 Minuten unter der eigenen Bestzeit aus dem Vorjahr.

Als Dominique Lehmann im April 2010 mehrere Tage nach seinem Unfall aus dem Koma erwacht, merkt er schnell, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Das Rückenmark war beim Sturz zwischen sechstem und siebtem Brustwirbel schwer geschädigt worden. Die Diagnose der Ärzte: Querschnittlähmung. Dominique, der damals noch bei seinen Eltern in Kummer bei Ludwigslust wohnt, akzeptiert es schnell. Mehr noch: Gleich nach der Reha fängt er an, sich sein neues Leben aufzubauen. „Mein Motto war immer ,Egal, was das Schicksal mit dir vorhat, mach’ das Beste daraus’“, sagt der 23-Jährige mit den dunklen Augen und dem sanften Blick. Er zieht nach Greifswald.

„Wäre ich hier geblieben, hätten mir Mutti und Vati immer helfen wollen. Das wollte ich nicht. Und beim Heulen der Sirene wäre ich zusammengezuckt und hätte doch nicht losfahren können, weil der Rollstuhl mich hindert“, erinnert sich der Radsportler an seine damaligen Überlegungen. „Um nicht deshalb in ein mentales Loch zu fallen, bin ich lieber weggegangen.“

Schnell fand er im Sport ein neues Hobby. Schon in der Reha hatte er mit Rollstuhl-Basketball angefangen, wurde aber immer unzufriedener. „Ich wollte mehr als meine Trainingskollegen, suchte nicht nur einen Zeitvertreib, sondern wollte etwas erreichen“, erinnert sich der 23-Jährige. „Ich bin zu ehrgeizig, um Schlusslicht zu sein.“ Weil er früher gern Snowboard gefahren ist, überlegte er, in den Wintersport einzusteigen, Monoski zu fahren. Doch dann ließ er sich von einem Kumpel zu einem Trainingslager fürs Handbiken mitnehmen. „Ich merkte gleich, dass es das ist“, erzählt der Radsportler. „Ich kaufte ein gebrauchtes Gerät, drehte hier und da ein paar Runden und machte im Frühjahr 2012 beim Hamburg-Marathon mit. Auf Anhieb schaffte ich eine Zeit von 1:46 Stunden.“

Beim zweiten Trainingslager des Otto Bock Teams fiel er dann ob seiner Leistungen auf und wurde direkt in die Mannschaft aufgenommen. Ein erster Leistungstest beim renommierten Diagnostiker Dr. Ralf Lindschulten aus Hannover ergibt, dass Dominique Potenzial als Handbiker hat. „Seitdem arbeite ich mit ihm zusammen. Er stellt die Trainingspläne auf, und ich schicke meine Trainingsdaten, etwa zu Herzfrequenz oder Wattzahl, zu ihm“, so Dominique.

Der 23-Jährige, der inzwischen kurz vor Abschluss seiner Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten steht, trainiert fünf Mal pro Woche. Auf dem dreirädrigen Handbike spult er dann durchschnittlich 50 Kilometer oder sogar mehr runter – auf Nebenstraßen vor den Toren Greifswalds, bei schlechtem Wetter auch mal auf Rollen in der Wohnung.

Inzwischen kann er erste Wettkampferfolge verbuchen. Bei der deutschen Meisterschaft holte er in diesem Jahr im Zeitfahren über 9,8 Kilometer und mehr als 500 Höhenmeter den zweiten Platz in der U25-Wertung seiner Schadensklasse. Und die Saison im NHC (National Handbike Circuit), sozusagen die Bundesliga der Handbiker, beendete er auf dem zweiten Platz in der Gesamtwertung der Männer.

Doch Plätze sind Dominique Lehmann derzeit nicht so wichtig. „Ich bin zufrieden, wenn ich meine Zeit wieder verbessert und Plätze gutgemacht habe“, sagt er. Das könnte jetzt in Berlin wieder klappen. Der Leistungstest am vergangenen Wochenende fiel besser aus als erwartet, und beim Rennen in Niedernhall (Baden-Württemberg) Mitte September hatte er über 40 Kilometer eine Zeit von 1:11 Stunden erreicht. „Da könnte es auf der etwas längeren Strecke in Berlin mit 1:15 Stunden klappen“, so der Handbiker, der schon weiter voraus blickt. Im kommenden Jahr will er noch in Deutschland Erfahrungen sammeln, wohl ab 2016 auch international starten. „Mein großes Ziel sind die Paralympics 2020 in Tokio.“ Teilnehmen? „Wenn ich nach Tokio fahre, dann will ich auch gewinnen“, sagt Dominique mit fester Stimme und sein Blick lässt keinerlei Zweifel zu.

Bis dahin muss er noch einige Tausend Kilometer kurbelnd über den Asphalt rund um Greifswald oder Kummer rollen. Aber das macht ihm nichts. „Das Handbiken treibt mich an, gibt mir ein Gefühl von Freiheit und bringt mir tolle Erfolgserlebnisse“, sagt der junge Mann mit den breiten Schultern und kräftigen Oberarmen. „Ich habe meinen Sport und meine Freundin Kati – ich bin glücklich.“ Und auch wenn er Wert auf ein eigenständiges Leben legt, ist ihm wichtig, eines zu sagen: „Meine Eltern, Verwandte und Freunde haben mich trotz meines Schicksals nicht im Stich gelassen. Dafür bin ich dankbar.“

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