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Aus der Region in die Welt : Tapeten für das englische Königshaus

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Vliestapeten der Neu-Kalisser Spezialpapier GmbH hängen im Buckingham Palace, im Britischen Parlament und in Dubais Nobelhotels.

Drei Minuten noch. Dann ist die letzte Lage der tonnenschweren Papierrolle aufgerollt. Remo Wittkowski wird für den Kunden noch die Druckseite mit dem Stempel markieren, bevor die Rolle in Folie geschweißt und mit dem Fahrstuhl nach unten gebracht wird. Dort rollt sie nicht ins Lager, sondern direkt in den Laderaum eines Lasters. „So knapp läuft das bei uns eher selten ab“, sagt John Paul Fender, der Geschäftsführer. Für ihn ein gutes Zeichen. „Wir sind gerade super ausgelastet.“

Tapetenvlies – damit macht die Neu Kaliss Spezialpapierfabrik GmbH momentan ihren größten Umsatz. Papierrollen, die hier das Lager verlassen, landen bei namhaften Tapetenfirmen in Schweden, den USA, Malaysia, Russland, China oder der Türkei. Von einem Kunden im englischen Loughborough hat Paul Fender erfahren, dass handbemaltes Tapetenvlies aus Neu Kaliß heute im Britischen Parlament und im Buckingham Palace an den Wänden klebt. Auch in den Nobelhotels von Dubai findet das Vlies aus Mecklenburgs einziger Papierfabrik reißenden Absatz. „Unser Papier hat eine besondere Faserstruktur, sie ist wolkiger als die anderen“, sagt Paul Fender. Er behauptet sogar, mit bloßem Auge zu erkennen, ob das Vlies an einer Hotelwand aus Kaliß kommt oder nicht. Als Geschäftsführer ist Fender auch zuständig für den Vertrieb und somit in vielen Hotels unterwegs. Moskau, Genf, New York, Japan – fast wöchentlich pendelt er zwischen den Kontinenten. Vor Ostern noch war er auf der Index-Messe in der Schweiz, heute packt er den Koffer für die USA. Vier Kunden zwischen Boston und Philadelphia wollen neue Tapetenvliese sehen.

Die Idee für die Tapetenvliesproduktion hat der Papierfabrik vor zehn Jahren die Existenz gesichert. Bis Anfang 2000 produzierte Kaliß fast ausschließlich Papier für Staubsaugerbeutel und Kaffeefiltertüten. Dann erreichte die Mitarbeiter die Nachricht, dass die Melitta-Unternehmensgruppe auf Kunststoffsaugbeutel umsteigen und das Werk verkaufen will. „Uns blieb während der Auslaufproduktion nur wenig Zeit, neue Produkte für neue Märkte zu entwickeln, damit die Maschinen gut ausgelastet bleiben“, erinnert sich Fender. Mit dem Tapetenvlies schließlich stieg der Umsatz von 18 Millionen auf heute 43 Millionen Euro. Verkauft wurde das Kalisser Werk nie. Sein Wert war inzwischen so gestiegen, dass Melitta plötzlich in der Lage war, Produktionen zu verschieben und damit auch ein anderes bedrohtes Werk nicht mehr schließen zu müssen. Heute produziert Kaliß etwa fünfzig verschiedene Sorten Tapetenvlies, darunter auch für die Kollektionen von Armani, Dieter Bohlen oder Barbara Becker.


Immer wieder Tests auf anderen Märkten


Immer wieder probiert sich das Unternehmen auf anderen Märkten aus. In der Herstellung von Luft- und Wasserfiltern zum Beispiel oder von Furnieren. Erfolgreich war die Idee für ein elektrisch leitfähiges Carbonvlies. „Das verkaufen wir hauptsächlich nach Israel und Japan“, erzählt Fender. Mit diesem Vlies an den Wänden könne man Räume abhörsicher machen und vor Strahlungen schützen.


130 Kundengespräche in vier Tagen


Allein auf der Messe in Genf hat Fender in vier Tagen 130 Kundengespräche geführt. Für die Kollegen zu Hause werden daraus ganz konkrete, zum Teil völlig neue Aufgaben. So wird sich ein Entwicklerteam demnächst mit der Herstellung von Akustik-Fliesen zur Geräuschdämmung in Fußböden von Personenzügen befassen. Auch über die Produktion von Energiesparmaterial als Füllstoff für Fahrzeugwände werde jetzt in Kaliß nachgedacht.

„Wer sich wie wir unter schwierigen Bedingungen komplett neu erfinden kann, sollte diese Eigenschaft dafür nutzen, sich nicht so stark vom Tapetenmarkt abhängig zu machen“, sagt Fender. So spannend wie das Material Papier sei, so spannend bleibe auch die Zukunft dieser Firma.


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erstellt am 22.Apr.2014 | 07:15 Uhr

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