Muchow/Minsk : Tägliche Übungen bringen Kleinen große Fortschritte

Nikita* und Pauline bei einem Ausflug auf den Spielplatz.
Nikita* und Pauline bei einem Ausflug auf den Spielplatz.

Muchowerin Pauline Hegner berichtet aus Minsk, wo sie an einem Hilfsprojekt in einem Kinderhospiz teilnimmt

svz.de von
21. Juni 2016, 21:00 Uhr

Die Zeit vergeht wirklich wie im Flug! Eben noch war ich ein Neuling hier in Minsk und jetzt bin ich schon über neun Monate hier – ein Zeitpunkt, an dem schon längst Routine eingekehrt ist. Doch wie sieht diese eigentlich aus?

Sicher ist jeder Tag anders, denn bei den unterschiedlichen Familien stehen natürlich auch verschiedene Aufgaben an. Doch um einen Eindruck von meiner Arbeit zu vermitteln, eignet sich wohl die Familie des dreijährigen Boris* am besten, die ich mittlerweile sogar zweimal wöchentlich besuche. Dort warten neben den Eltern und Boris* auch noch der gerade erst ein Jahr alt gewordene Nikita* und die fünfjährige Katja* auf mich, die allerdings meistens im Kindergarten ist. Gegen zehn Uhr morgens komme ich an und helfe dann zunächst beim Frühstück, denn Nikita* und Boris* müssen beide gefüttert werden. Danach steht Physiotherapie und Massage auf dem Plan: Boris* leidet seit Komplikationen nach einer Impfung im Säuglingsalter an einem Hydrozephalus (umgangssprachlich auch „Wasserkopf“ genannt), bei dem sich im Kopf die Hirnflüssigkeit sammelt und nicht richtig abfließen kann. Dadurch ist er sowohl neurologisch (z. B. kann er nicht sprechen) als auch physisch eingeschränkt, denn sein Kopf ist einfach viel zu groß und schwer für seinen Körper. Deshalb nimmt sich die Mutter jeden Tag Zeit, um mit ihm verschiedene Übungen durchzuführen, und mittlerweile ist eine deutliche Besserung erkennbar. Noch im Herbst konzentrierte sich die Therapie darauf, verschiedene Reize auf den Jungen auszuüben und seine Durchblutung anzuregen – dabei konnte so kreativ wie einfach gedacht werden. Wir nutzten sowohl richtige Massagebälle als auch einen Fön oder verschiedene Spielzeuge. Weiter ging es damit, mit Boris* verschiedene Bewegungen durchzuführen, die gesunde Kinder von selbst machen, also Arme heben, Knie beugen etc. Und nach diesem langen Weg üben wir nun sogar mit ihm, aufrecht zu sitzen oder seinen Kopf allein zu halten und zu drehen! Es ist erstaunlich, welch große Fortschritte Boris* durch diese intensive Therapie gemacht hat, und vor allem der Mutter gebührt diesbezüglich Respekt. Manchmal ist es mir einfach ein Rätsel, wie sie all das schafft, wo sie sich doch noch um zwei andere Kinder kümmern muss! Nach der Massage wird es Zeit für einen Spaziergang und der ist in dieser Familie wirklich bei Wind und Wetter Pflichtprogramm – ich habe Boris* und Nikita* sowohl schon durch knietiefen Schnee als auch bei strömendem Regen durch die Gegend geschoben! Aber für diese Mühen werde ich immer mindestens doppelt entlohnt. Erstens, weil der Vater der Familie Koch ist und ich so dort immer noch ein leckeres Mittagessen bekomme. So einige Nationalgerichte habe ich dort probiert, wie zum Beispiel „Draniki“ (eigentlich Kartoffelpuffer), teilweise sogar noch mit Fleisch gefüllt, selbstgemachte Pastete oder eine Suppe aus Sonnenweizen und Pfifferlingen. Zweitens – und noch viel wichtiger – mit dem Lächeln des kleinen Nikita*. Als ich ankam, war er gerade mal ein halbes Jahr alt, und so habe ich seine ersten Schritte und Worte miterleben können. Und auch er hat mich in sein Herz geschlossen und wartet nun schon lächelnd im Flur auf mich, wenn ich zur Tür hereinkomme.

*Namen geändert

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen