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Ludwigsluster Tageblatt

18. November 2017 | 13:23 Uhr

Dömitz : Stolpersteine gegen das Vergessen

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Nachdem in Ludwigslust eine Initiative zum Gedenken an jüdische Einwohner angeschoben wird, werden auch im 30 Kilometer entfernten Dömitz Stimmen nach solchen so genannte Stolpersteinen laut.

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erstellt am 23.Mär.2012 | 09:02 Uhr

Dömitz | Nachdem in Ludwigslust eine Initiative zum Gedenken an jüdische Einwohner angeschoben wird, werden auch im 30 Kilometer entfernten Dömitz Stimmen nach solchen so genannte Stolpersteinen laut. Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Dömitz ist zwar eine eher kleine, doch die Erinnerung an diese Einwohner wurde zu DDR-Zeiten und bis zum heutigen Tag gepflegt. Ein kleiner jüdischer Friedhof am südwestlichen Stadtrand und eine Gedenktafel am einstigen Wohnort von Anna Wolfenstein in der Goethestraße erinnern.

Um die jüngere Geschichte der Stadt lebendig zu erhalten, hat beispielsweise die Dömitzer Christel Fuhrmann die Bürgermeisterin der Stadt, Renate Vollbrecht, angesprochen, um zu erreichen, dass ein solcher Gedenkstein in den Fußweg vor dem Wolfenstein-Wohnhaus in der Goethestraße eingelassen wird. Das Stadtoberhaupt sah durchaus Chancen, dass dieser Vorschlag umgesetzt werden könne. Das soll nun in einer Stadtvertreterversammlung ein Thema sein, nahm die Ur-Dömitzerin mit auf den Heimweg. Allerdings erinnert bereits eine Gedenktafel an die letzte Jüdin von Dömitz.

Letzte Dömitzer Jüdin im KZ Theresienstadt ermordet

Die Dömitzerin Anna Wolfenstein war die letzte Jüdin in der Stadt. Die 78-jährige Frau wurde am 12. November 1942 um 5 Uhr morgens von der Gestapo verhaftet und in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort ermordeten NS-Kriegsverbrechern die Dömitzerin. Bereits im Jahre 1950 befestigte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA e. V.) eine Gedenktafel an dem Wohnhaus von Anna Wolfenstein.

Die VVN ist ein 1947 gegründeter Verband mit Sitz in Berlin. Die Vereinigung ist aus Opferverbänden hervorgegangen, die nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland gegründet wurden. In der DDR wurde die VVN im Jahre 1953 aufgelöst und stattdessen das "Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer" gegründet. Erst im Jahre 2002 kam es wieder zu einer gesamtdeutschen Vereinigung, zu deren Mitgliedsverbänden auch die Lagergemeinschaften ehemaliger Häftlinge aus den einstigen Konzentrationslagern gehören.

Die Idee der Stolpersteine rührt vom Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der mit seiner speziellen Kunst an die Opfer der NS-Zeit erinnert. Solche Gedenktafeln aus Messing werden vor den ausgewählten Gebäuden als so genannte Stolpersteine ins Trottoir eingelassen. Demnigs Ansicht geht davon aus, dass ein Mensch erst dann in Vergessenheit gerät, wenn der Name nicht mehr bewusst ist. Für etwa 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für einen neuen Stolperstein samt des Verlegung eingehen. Allerdings müssen in Dömitz die Stadtvertreter dafür willens sein.

NVA-Grenztruppen pflegten den jüdischen Friedhof

Der jüdische Friedhof ist ein etwas anderer Stolperstein: Das exakte Alter der Gräberstätte ist nicht eindeutig geklärt; es wird angenommen, dass der Bestattungsort nach der Auflösung der jüdische Gemeinde im Jahre 1919 nicht mehr genutzt wurde. Während der NS-Zeit wurde der Friedhof in einer Nacht- und Nebelaktion zerstört, jedoch nicht eingeebnet, erinnern sich Zeitzeugen. Der von Bäumen umsäumte Friedhof grenzte dann an die Wohnhäuser für die Arbeiter in der Munitionsfabrik. Dem allgemein als Bereitschaftslager für die Dynamitfabrik bekannten Komplex fehlte es auch nicht an einem Casino.

Im Jahre 1947 wurde der Friedhof wieder hergerichtet. Dömitzer Bürger stellten die Grabsteine wieder auf und erneuerten die Umzäunung. Mit dem Einrichten der Grenzsperrzone war der Ort für die Öffentlichkeit nicht mehr zu erreichen. Doch die Ruhestätte wurde nicht ihrem Schicksal überlassen. NVA-Grenztruppen sorgten dafür, dass der Friedhof weiterhin als besonderer Ort erhalten blieb. Heute sind auf dem Friedhofsgelände keine Grabsteine mehr vorhanden. Nur ein 1951 als Gedenkstein errichteter Obelisk aus den noch vorhandenen Grabsteinplatten und die Einfriedung durch einen Zaun erinnern an den jüdischen Friedhof.

Das Terrain ist nicht ganz einfach zu finden, geschweige leicht zu erreichen. Wer die Grabstätte dort "Am Zollstangen" aufsuchen will, der muss genau hinschauen, um den schmalen Stichweg zum unscheinbaren Gelände zu finden. Die alten Gebäude in unmittelbarer Nähe sind weiterhin dem Verfall preisgegeben.

Derzeit investiert ein Unternehmer in eine Produktionshalle, die mitten in einem Meer von Bauschutt und noch mehr Sandboden im Rohbau steht. In dieser Woche räumten Bedienstete des städtischen Bauhofes das Friedhofsgelände vom Herbstlaub. Diese Pflege erfolgt jedoch nur nach Bedarf, war zu erfahren. Pflegebedarf hätte aber auch der Obelisk nötig, der Grünspan ist all gegenwärtig.

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