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Ludwigsluster Tageblatt

19. November 2017 | 19:04 Uhr

Kummer/Rüterberg : Spurensuche nach 70 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Jürgen Deicke aus Bayern besucht Ludwigsluster Region, durch die er nach der Flucht aus amerikanischer Gefangenschaft zog.

Als Jürgen Deicke bei Rüterberg am Ufer der Elbe steht, ist die Erinnerung sofort da: „An dieser Stelle hat das Boot angelegt, das mich damals ans andere Ufer brachte“, erzählt der 87-Jährige. Damals – das war 1945 kurz nach Ende des Krieges. Deicke war nach seiner Flucht aus einem amerikanischen Gefangenenlager bei Gammelin über Kummer und Karstädt bis nach Rüterberg gekommen. Jetzt kehrte der Senior, der heute in einem Münchner Vorort lebt, noch einmal in die Region zurück und besuchte die Stationen seiner Flucht. Sein Sohn Axel hatte ihm die Reise zum Geburtstag geschenkt und begleitete ihn.

„Ich war 17, als ich nach Gammelin kam“, erzählt Jürgen Deicke. „Es gab kaum etwas zu essen. Aus dem Acker, auf dem wir lagen, buddelten wir Kartoffeln aus.“ Als die zur Neige gingen, haute er ab. Gemeinsam mit einem Kollegen krabbelte er unter einem Zaun durch und rannte zum nahegelegenen Wald. Gammelins Bürgermeister Manfred Kebschull vermutet, dass sich das Lager in Richtung Radelübbe befunden haben könnte. „Aber Konkretes ist dazu nicht bekannt. Und die, die es hätten wissen können, sind bereits verstorben.“

Jürgen Deicke schlug sich damals über Strohkirchen und Jasnitz bis nach Kummer durch. Allein – seinen Kollegen hatte er schon bald im Wald verloren. Heute vor 70 Jahren, am 27. Mai 1945, erreichte er abends das Dorf und verbrachte die Nacht in einer Scheune oder einem leeren Stall. Als er am nächsten Morgen in einer anderen Scheune zwischen Funkgeräten und anderem Kriegszeug herumkramte, wurde er von einem amerikanischen Soldaten aufgegriffen. „Er rief ,Hands up’ und schickte mich dann zum Bürgermeister, der mich zu einer Familie schickte, bei der ich die nächste Nacht blieb“, erzählt Deicke.

Als er jetzt in Kummer Ortsteilvorsteher Udo Jauert traf, wusste dieser sofort, um welchen Bürgermeister es sich gehandelt haben muss. „Schult Duncker war sehr klein und hatte infolge einer Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg einen gekrümmten Rücken“, erklärt Udo Jauert. Und auch sonst konnte der Kummeraner bei der Erinnerungsarbeit helfen. „Ich habe ihm die alte Ziegelei mit der Scheune gezeigt und das Haus, in dem der Bürgermeister damals wohnte“, so Jauert. Gemeinsam ging es zu Mühlenbesitzer Fritz Höppner, der bestätigen konnte, dass in dieser und einer weiteren Scheune im Dorf seinerzeit Kriegsmaterial gelagert wurde. Nach der Besichtigung der Mühle und einer Rundfahrt durchs Dorf verabschiedeten sich die Gäste aus Kummer. Am nächsten Tag besuchten sie Karstädt, wo Jürgen Deicke mehrere Wochen verbracht hatte. „Ich war bei einer Bäuerin, habe den Pferdestall ausgemistet und mit dem Pflug Kartoffeln angehäufelt“, erinnert sich Deicke. „Als es hieß, dass die Russen kommen, und der Bauer zurückkehrte, bin ich weitergezogen Richtung Elbe.“ In einem Gasthaus in Rüterberg erfuhr er, dass er abends mit einem Boot rüberfahren könnte. Es klappte. Am 30. Juni erreichte er sein Elternhaus in Hildesheim, weitestgehend unversehrt.

Die Zeitreise in seine Vergangenheit fand Jürgen Deicke sehr interessant und an der einen oder anderen Stelle auch emotional. „Am meisten haben mich jedoch die Menschen berührt, denen wir begegnet sind. Sie sind so offen und herzlich auf uns zugegangen und haben von ihren Erfahrungen berichtet, wenn auch das Jahr 1945 bei den meisten nur noch ganz dunkel in Erinnerung ist.“

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