Landkreis Ludwigslust-Parchim : Sprühaktion über Orten ausgebremst

Dr. Andreas Busse bereitet der Biozid-Einsatz aus der Luft große Sorgen. katt
Dr. Andreas Busse bereitet der Biozid-Einsatz aus der Luft große Sorgen. katt

In gut einer Woche soll der Angriff aus der Luft gegen den Eichenprozessionsspinner im Landkreis Ludwigslust-Parchim fortgesetzt werden. Die Erlaubnis fürs Überfliegen von Ortslagen gilt aber als unwahrscheinlich.

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08. Mai 2013, 11:01 Uhr

Ludwigslust/Hagenow | Der Angriff aus der Luft gegen den Eichenprozessionsspinner im Landkreis Ludwigslust-Parchim soll heute Nachmittag abgeschlossen sein. Dann wird der Hubschrauber das Biozid "Karate" auch über der letzten Region, dem Boizenburger Bereich, versprüht haben. In gut einer Woche - je nach Wetterlage möglicherweise auch etwas später - soll der zweite Teil der Bekämpfungsaktion starten. Dann soll über sensiblen Bereichen das Biozid "Dipel ES" versprüht werden, das andere Bedingungen benötigt, um zu wirken. Es ist ein reines Fraßmittel. Die Raupen müssen die Blätter mitsamt Dipel auffressen, damit es im Körper wirken kann. "Dazu muss die Blattmasse zu mindestens 80 Prozent ausgebildet sein", erklärte Dr. Vietinghoff vom Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei MV (LALLF), der die gesamte Aktion leitet.

Der Biozid-Einsatz aus der Luft stößt jedoch nicht überall im Landkreis auf Zustimmung. "Genauso wie der Eichenprozessionsspinner können die eingesetzten Mittel Hautreaktionen auslösen", sagt Dr. Andreas Busse, in Ludwigslust praktizierender Hautarzt und Allergologe. "Laut Datensicherheitsblatt wirken sie sensibilisierend, also allergieauslösend." Beschwerden durch den Kontakt mit den Brennhaaren der Raupen spielten zumindest in seiner Praxis derzeit nur eine untergeordnete Rolle, so Busse. Deshalb hält er die Bekämpfung aus der Luft für absolut unverhältnismäßig.

Die Behörden schätzen die Lage anders ein. Wolfgang Schmülling, der 1. Stellvertreter des Landrates, warnte gar vor einer Verunsicherung der Bevölkerung. Und Fachdienstleiterin Dr. Ute Greitens erklärte gestern Nachmittag bei einer Pressekonferenz im Landratsamt, dass beim kreislichen Gesundheitsamt im vergangenen Jahr 110 Fälle schriftlich gemeldet worden seien. "Hinzu kamen aber weitere telefonische Meldungen von Bürgern und die Aussagen von Hausärzten aus Dömitz, dass sie es nicht mehr schaffen würden, die Patienten zu melden." Die Gefährdung der Bevölkerung sei da.

Trotzdem sind gegen die Ordnungsverfügung des Landrates zehn Widersprüche eingegangen, unter anderem von den Gemeinden Banzkow und Plate. "Die Widersprüche werden abgearbeitet. Aufschiebende Wirkung haben sie aber nicht", sagte Frank Leuschner vom Fachdienst Ordnung. Soll heißen, dass auch über Gebiete geflogen werden kann, obwohl es von dort Widersprüche gibt.

Derzeit beschränkt sich der Einsatz auf Alleen außerhalb von Ortschaften. Die Ortslagen könnten aber noch folgen. Für Andreas Busse ein schrecklicher Gedanke. "Dipel ES", das Mittel das dort genutzt werden soll, wirke zwar selektiver auf die Schmetterlingsraupen als "Karate", dürfe laut Datensicherheitsblatt aber nicht berührt und nicht als Aerosol eingeatmet worden, so der Allergologe. Doch genau in dieser Form werde es versprüht. "Wenn ich bedenke, dass im Bereich der Grundschule Techentin Eichen stehen… Wir überlegen, ob wir unser Kind in dieser Zeit aus der Schule nehmen." Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erklärt in einem Bericht an das Bundesumweltministerium, dass eine Anwendung von Bioziden aus der Luft grundsätzlich als letzte Möglichkeit gesehen werden sollte. "Ich würde es begrüßen, wenn der Hubschraubereinsatz über Ortslagen gestoppt werden würde", so Busse. Das wäre aus jetziger Sicht tatsächlich möglich. Hinderungsgrund scheint allerdings nicht das Biozid, sondern der Flug selbst zu sein.

Die Genehmigung für den Überflug in so geringer Höhe war Thema einer großen Runde von Mitarbeitern dreier Ministerien und des Landkreises am Montagabend. "Nach Aussage der Luftfahrtbehörde ist diese Erlaubnis vom Grunde her ausgeschlossen", erklärte Ulrich Teschner vom Fachdienst Ordnung des Landkreises. Grund dafür seien nicht nur die Lärmbelästigung und Luftverwirbelungen, sondern auch die fehlenden Notlandemöglichkeiten. "Ein Überfliegen von Wohngebieten wird ausgeschlossen werden." Auch die Piloten hätten schon signalisiert, bestimmte Bereiche nicht anfliegen zu können. Allerdings werden für einige Bereiche Ausnahmen erwogen - "zum Beispiel bei Alleen, die für eine Notlandung breit genug wären, oder für Parkanlagen, die nicht unmittelbar an Wohnhäuser grenzen", so Teschner. Wie viele der ungefähr 50 vorgesehenen Ortschaften und Siedlungen doch nicht beflogen werden, ist noch unklar. Die Zuständigkeit für den Eichenprozessionsspinner und seine Folgen liegt dann aber bei den örtlichen Ordnungsbehörden. Das sei eigentlich auch jetzt der Fall, so Teschner. Doch weil es ein fast flächendeckendes Problem ist, sei es zur kreisweiten Lage erklärt worden.

Unklar ist auch noch, wer die Kosten für den Sprüheinsatz trägt. Ordnungsrechtlich stehe jedoch die Feststellung, dass der jeweilige Eigentümer zahlen muss, so Schmülling. In den meisten Fällen der Landkreis, das Land oder der Bund. Wo jedoch Straßen behandelt wurden, für die eine Gemeinde die Baulast trägt, müsste sie zahlen. Das seien jedoch keine Unsummen, versucht Dr. Vietinghoff zu beruhigen. Pro Straßenkilometer seien es beim Einsatz von "Karate" rund 360 Euro.

Dass der Eichenprozessionsspinner punktuell zu starken Beschwerden führen kann, schließt auch Dr. Andreas Busse nicht aus. Aber dann sollte man in besonders betroffenen Gebieten die Gespinstnester absaugen. Denn zu den Auswirkungen der Biozide auf die Menschen kämen die Folgen für die Natur hinzu. "Das Mittel ,Karate’ wird als sehr giftig auch für andere Insekten, Fische und Kleintiere im Gewässerbereich eingeschätzt", sagte er. Und negative Folgen für Flora und Fauna hätten letztlich auch Auswirkungen auf den Menschen. Aber besonders ärgert den Mediziner das Argument, dass die Landeshauptstadt geschützt werden muss. "Hier kippt man das Zeug rauf, damit der Eichenprozessionsspinner nicht nach Schwerin kommt", so Busse. "Hier gibt es aber genauso Wohngebiete."

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