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Ludwigsluster Tageblatt

13. Dezember 2017 | 16:08 Uhr

Nahverkehr : So wird das Busnetz der Zukunft

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Auf neuen Linien will der Landkreis Ludwigslust-Parchim durchgängig im Zwei-Stunden-Takt fahren. Rufbusse sollen Bewohner aus der Fläche zu dessen Haltestellen bringen.

von
erstellt am 26.Feb.2016 | 15:48 Uhr

Bisher gibt es im Landkreis den funktionierenden öffentlichen Nahverkehr eigentlich nur für Schüler und für Kunden in der Nähe der Eisenbahnlinien. Das soll sich in den kommenden Jahren deutlich ändern. Zumindest sagt dies das vom Kreistag schon beschlossene Rufbuskonzept. Die Schweriner Volkszeitung stellt heute zum ersten Mal öffentlich das Rückgrat des neuen Nahverkehrssystem im Landkreis vor  – das so genannte Grundnetz. Auf diesen Linien, die in unserer Grafik gelb dargestellt sind, will der Landkreis einen Grundverkehr im Zwei-Stunden-Takt anbieten, von den Morgenstunden bis in den Abend. Auf ausgewählten Linien soll es im Berufsverkehr sogar einen Ein-Stunden-Takt geben. Mit diesem Netz werden nach ersten Schätzungen etwa 70 Prozent der Bevölkerung erreicht. Die anderen 30 Prozent, die meist in sehr kleinen Orten und Ortsteilen wohnen, sollen künftig mit den so genannten Rufbussen zu diesem Grundnetz kommen können.

Das bedeutet: Wer künftig Bedarf hat muss das mit einer Vorwarnzeit von etwa zwei Stunden anmelden. Dann wird man zu der vorher feststehenden Haltestelle des Grundnetzes gefahren, wo man dann zügig in einen Bus umsteigen kann. Beispiel: Wer  in Setzin wohnt, wird zu einer Haltestelle in Hagenow gefahren, steigt dort um und kann in jede der angebotenen Richtungen fahren. „Mit einem Mal umsteigen kommt man in dem neuen System sehr weit, mit zweimal Umsteigen fast überall hin“, fasst Stefan Lösel, der Geschäftsführer der kreiseigenen VLP-Busgesellschaft die Grundidee zusammen. Lösel gilt als Vater der Idee, die derzeit mit gleichem Grundmuster im Landkreis Nordwestmecklenburg umgesetzt wird. Er war in den Jahren zuvor Chef der dortigen Busbetriebe.

Ob dieses neue System funktioniert hängt von zwei Voraussetzungen ab: Es muss bezahlt werden und das aus öffentlichen Mitteln. Und es hängt entscheidend an der tatsächlichen Nachfrage aus der Bevölkerung.

Vorteil zum bisherigen System: Zum ersten Mal nach der Wende gäbe es tatsächlich ein flächendeckendes Nahverkehrssystem von Bus und Bahn, was an allen Tagen der Woche und auch in den Ferien  nutzbar und bezahlbar wäre.  Die Kunden im Landkreis sollen mit dem neuen Netz auch eine Karte bekommen, mit der sie für einen Preis von etwa 80 Euro im Monat jede Linie im Kreis nutzen können.

Entscheidend ist dabei, dass die Anschlüsse stimmen. Derzeit ist ungeklärt, wo und in welcher Zahl die Busse des Kreises in der Landeshauptstadt Schwerin fahren dürfen. (SVZ berichtete). Dazu kommt, dass es auch mit Blick auf Pendler Anschlüsse in andere Bundesländer geben soll. Im Raum Boizenburg wäre das Lauenburg, aus Zarrentin gibt es massive Wünsche in Richtung Büchen, Mölln oder Ratzeburg.

Der Zeitplan: Das hier vorgestellte Netz ist ein erster konkreter Vorschlag, der noch verfeinert werden muss. Mit einer tatsächlichen Einführung ist schrittweise frühestens im kommenden Jahr zu rechnen, wenn die Politik und die Aufsichtsbehörden des Landes zustimmen.

Derzeit laufen die Vorbereitungen für den Umbau der Fahrpläne, denn 70 Prozent der Trassen werden bereits befahren. Neu wird die komplette Vertaktung sein.

Aktuell werden alle 2000 Haltestellen im Kreis fotografiert und digital kartografiert, um einen mathematisch basierten Plan erstellen zu können. Später wird es für jeden Ort eine definierte Rufbuslinie geben. Jeder Bewohner weiß dann, wohin sein Rufbus (der auch ein Taxi sein kann) fährt und wann er mit welchem Bus und in welcher Zeit auf der Hauptlinie weiterkommt. Im Grundsatz hat der Landkreis dem neuen Buskonzept testweise für den Bereich Parchim-Plau zugestimmt. Allerdings sind die Details noch offen. Daher sind  jetzt die Busbetriebe im Kreis unter ihrem neuen Chef mit Hochdruck dabei, alle Daten zu sammeln und vor allem konkret zu planen. Schließlich sollen  nicht nur die Kreistagsabgeordneten noch in diesem Jahr möglichst genaue Zahlen bekommen. Schon jetzt ist klar, dass es  ohne zusätzliches Geld vom Kreis  nicht gehen wird. Die Rede ist derzeit von einer Summe von einer Million Euro im Jahr, die wahrscheinlich über die Kreisumlage kommen müsste. Die immer wieder geforderte Anbindung an das Netz des Hamburger Verkehrsverbundes ist derzeit nur geplant, könnte das nun geplante Kreisnetz ergänzen.  Das würde aber weiteres Geld erfordern.

Kommentar: Mobilität für alle Bürger?

Ja, genau darum geht es bei diesem Bus-Thema. Bisher ist es eine Idee, ein Plan, der jetzt Konturen bekommt. Nichts ist fest, vieles wird noch korrigiert werden müssen. Und manches wird vielleicht auch gar nicht gehen. Aber der Gedanke ist bestechend, endlich flächendeckend im Kreis einen öffentlichen Personenverkehr hinzubekommen, der diesen Namen auch verdient. Es geht im ersten Schritt gar nicht um die mobilen Pendler mit ihren Autos, es geht zunächst um die, die ohne Hilfe aus ihren Dörfern nicht oder nur schwer wegkommen. Um die Älteren, die sozial Schwachen, die Benachteiligten, den nicht mobilen Teil der Bevölkerung. Sie alle hätten etwas von dem angedachten System.

Es gibt Risiken, keine Frage. Ist das System bezahlbar? Spielen Schwerin und die Nachbarkreise mit? Und, werden die Bürger das neue System und vor allem die Rufbusse überhaupt annehmen? Im Moment läuft in Nordwestmecklenburg so etwas wie die große Generalprobe dafür, was bei uns auch kommen könnte. Hier lassen sich Fehler vermeiden. Entscheidend bleibt aber, dass es bei dem Angebot an die Bevölkerung im Kreis bleibt: Wir machen euch mit dem öffentlichen Nahverkehr bezahlbar mobil. Wenn das klappt,  wird es eine kleine Revolution. Wenn nicht, wäre das vor allem für die kleinen Orte eine ziemlich niederschmetternde Nachricht.

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