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Ludwigsluster Tageblatt

23. Oktober 2017 | 23:06 Uhr

Wöbbelin : Sie haben die Hölle überlebt

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

71 Jahre nach der Befreiung des KZ Wöbbelins kommen Überlebende und Angehörige der Opfer zurück an den Ort und erinnern sich

von
erstellt am 03.Mai.2016 | 06:32 Uhr

„Erzählen kann ich viel“, sagt Natan Grossmann. „Aber wo fange ich an?“ Der 89-Jährige tritt vor das Mikrofon. Vor ihm sitzen ehemalige Mithäftlinge, viele Schüler und Angehörige der KZ-Opfer. Natan liest nicht ab. Er braucht keinen Zettel. Er spricht frei. Und was er zu erzählen hat, treibt manchem Gast Tränen in die Augen. Er spricht von seiner Mutter, die im Ghetto in Lodz vor seinen Augen verhungerte. „Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen. Denn ich denke, sie starb, weil sie mir das Essen gab, was sie selber so nötig brauchte“. Er spricht von seinem Vater, der vor Erschöpfung leblos zusammenbrach, von seinem Bruder, den die Nazis im KZ ermordeten und von seiner Ankunft im KZ Auschwitz. „,Schaut auf den Kamin, da geht ihr wieder raus’, haben uns die Nazis damals zugerufen.“ Natan wird Auschwitz überleben, er wird auch den Todesmarsch überleben und die letzten Wochen im KZ Wöbbelin. „Ich hatte einfach sehr großes Glück“, sagte er gestern auf der Gedenkveranstaltung. „Mein Beruf hat mir das Leben gerettet. Ich war Schmied. Und die brauchten die Nazis damals in der Metallfabrik.“

Heute lebt Natan Grossmann in München. In Wöbbelin ist er gestern erst das zweite Mal. Als ihm hier auf dem Ehrenfriedhof Viertklässler der Wöbbeliner Grundschule das Lied „Shalom Alechem“ („Wir bringen Euch Frieden“ d.R.) auf hebräisch singen, kommt ihm ein Zitat des ersten israelischen Premierministers Ben-Gurion wieder in den Sinn. „Es ist ein anderes Deutschland geworden. Seien Sie stolz auf dieses Deutschland und passen Sie auf, dass es so bleibt. Lassen Sie nie wieder zu, dass solche Bestien das Sagen haben.“

Wie Natan Grossmann verneigten sich gestern auch viele Gäste vor den Namenssteinen der Opfer, legten Blumen nieder und entzündeten Kerzen. Die dunklen Klinkersteine in dem Boden tragen fast 800 Namen und 43 Nummern von Menschen, die in nur wenigen Wochen vor Hunger im Frühjahr 1945 sterben mussten.

Für die Menschen, die das KZ überlebten und erst später in den Lazaretten starben, ist gestern ein neues Denkmal eingeweiht worden. Die Wöbbeliner Mahn- und Gedenkstätte hatte dafür die Namen von 149 Opfern recherchiert und ihnen zu Ehren auf dem Stadtfriedhof einen Ort des Gedenkens geschaffen. Er erinnert auch an den 25-jährigen Pieter Brouwer, der in Holland von den Nazis verfolgte Juden in seinem Keller versteckt hatte. Brouwer war der erste Mann von Janne Bakkers Mutter. Auch Janne Bakker sprach gestern in Wöbbelin: „Denken an Pieter heißt für mich: Verberge die Vertriebenen und verjage die Flüchtlinge nicht.“

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