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Sülstorf/Wöbbelin : Schüler erforschen „Zug von Sülstorf“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Bei Transport im April 1945 starben fast 600 KZ-Häftlinge: Gedenkstätte am Bahnhof soll durch weitere Info-Tafeln ergänzt werden

Drei Tage und zwei Nächte hatte der Zug im April 1945 auf einem Gleis am Bahnhof Sülstorf gestanden. In den Waggons: 4300 Häftlinge aus Helmstadt-Beendorf, einem Außenlager des KZ Neuengamme, unterwegs in Richtung Wöbbelin, fast ohne Wasser und Verpflegung, ständig drangsaliert von ihren brutalen Bewachern. An 53 getötete jüdische Frauen aus Ungarn erinnert ein Gedenkstein, der später in der Nähe des Bahnhofs aufgestellt wurde. Nach Kriegsende waren die Leichen der Frauen gefunden worden. 1947 wurden sie in der heutigen Gedenkstätte bestattet.

Tatsächlich seien aber während des Aufenthaltes in Sülstorf und schon auf der Anfahrt von Wittenberge mehr als 300 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen umgekommen, sagt die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, Ramona Ramsenthaler, nach der Auswertung vorliegender Quellen. Gemeinsam mit Schülern aus Stralendorf und Rastow sowie ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern will sie jetzt die Geschichte des „Zugs von Sülstorf“ so detailliert wie möglich vor Ort erforschen.

Eine Arbeitsgruppe, in der neben Lehrerinnen vom Schulzentrum Stralendorf und der Regionalen Schule Rastow auch Sülstorfs Bürgermeister Horst Busse und Pastor Arpad Csabay mitwirken, hat sich bereits konstituiert. „Wir wollen zunächst eine Bestandsaufnahme machen und das vorhandene Material für die Schüler aufbereiten“, erklärt Ramona Ramsenthaler. Nach den Winterferien sollen die Jugendlichen dann mit ihren Forschungen beginnen, Dokumente und historische Berichte sichten, dabei auch neue Quellen erschließen.

Was sich zwischen dem 13. und dem 15. April 1945 in Sülstorf genau zugetragen hat, das hat insbesondere der Wolfenbütteler Historiker Björn Kooger umfassend recherchiert. Aus knapp
50 Waggons bestand dieser Zug, der am
10. April 1945 an seinem Ausgangsort in Sachsen-Anhalt gestartet war, schilderte Kooger im November vergangenen Jahres bei einem Vortrag im Sülstorfer Gemeindehaus anlässlich des 75. Jahrestages der so genannten Reichspogromnacht (wir berichteten). „In jedem Waggon befanden sich 150 bis 170 KZ-Häftlinge. Die Zustände waren fürchterlich. Wer ohnmächtig wurde, der konnte nicht mehr aufstehen“, so Kooger.

In Sülstorf schließlich hatte der Zug gehalten, weil ein anderer Transport aus dem niedersächsischen Schandelah das Anschlussgleis des KZ Wöbbelin blockierte, erklärte Ramona Ramsenthalter bei der Veranstaltung im Gemeindehaus. Am 15. April war der Zug dann zurück nach Wöbbelin gerollt, wo die SS die männlichen Häftlinge des Transports in das noch unfertige Steinbarackenlager getrieben hatte. „Für die Frauen war die Odyssee noch nicht beendet. Sie mussten weitere sechs Tage in den Waggons zubringen und trafen erst am 21. April in den beiden bereits geräumten Außenlagern des KZ Neuengamme in Hamburg-Sasel und Hamburg-Eidelstedt ein“, so Ramsenthaler.

Nach Recherchen von Björn Kooger haben insgesamt fast 600 Häftlinge aus dem Zug von Beendorf den Transport nicht überlebt. Auch an der Sülstorfer Gedenkstätte weist seit 2005 eine Tafel darauf hin, dass mehrere hundert Häftlinge den Tod fanden. Die Anlage am Bahnhof müsse aber noch weiter ergänzt werden, betont Ramona Ramsenthaler. So gehöre in der zweiten Jahreshälfte auch die Neugestaltung der Gedenkstätte zum Geschichtsprojekt. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde sollen sich die Schüler etwa überlegen, wie das Areal gärtnerisch verändert werden könnte und wie weitere Informationstafeln, gegebenenfalls mit Fotos, aussehen müssten, so die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin.

Bereits im März will Ramona Ramsenthaler das Gelände hinter der Gedenkstätte mit ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern absuchen. „Historische Luftaufnahmen geben Hinweise darauf, dass wir an dieser Stelle die Gebeine weiterer Opfer aus dem KZ-Zug finden könnten.“

Am 25. Januar um 15 Uhr soll im Sülstorfer Gemeindehaus der Film „Der Zug von Sülstorf“ gezeigt werden, der 1997 im Rahmen eines Jugendmedienprojektes entstand. Grundlage waren die Tagebuchaufzeichnungen des Eisenbahners Martin Ehlers aus dem April 1945.

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erstellt am 14.Jan.2014 | 07:00 Uhr

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