Projekt "Crash-Kurs MV" in Ludwigsluster Schule : Schonungslos gegen den Verkehrstod

<strong>Hier starben junge Menschen</strong>, nachdem sie mit einem Auto mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum geprallt waren. <foto>hasz</foto>
Hier starben junge Menschen, nachdem sie mit einem Auto mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum geprallt waren. hasz

Diese Minuten bleiben den Berufsschülern sicherlich in Erinnerung: still und betroffen lauschten sie den Schilderungen von zu Hilfe eilenden Augenzeugen und Hinterbliebenen der bei Verkehrsunfällen getöteten Opfer.

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15. März 2013, 11:58 Uhr

Ludwigslust | Eine Stunde schonungslose Offenheit. Diese Minuten im Leben der Berufsschüler, die vorgestern still und betroffen in ihrer Schule an der Techentiner Straße den Schilderungen von zu Hilfe eilenden Augenzeugen und Hinterbliebenen bei Verkehrsunfällen getöteten jungen Opfern lauschten, bleiben den Heranwachsenden sicherlich in Erinnerung. Wie lange, das wissen die Initiatoren der Landesaktion "Crash-Kurs MV" nicht. Doch sie hoffen, dass die Jugendlichen diese krasse Realität für ihr Leben verinnerlichen - dass sie bewusst und verantwortungsvoll mit ihrem Leben umgehen.

Verantwortung gegenüber dem eigenen und dem von Mitmenschen im Straßenverkehr dauerhaft übernehmen, das war die zentrale Botschaft, die Repräsentanten vom Polizeipräsidium Rostock, von der Polizeiinspektion Ludwigslust, von Feuerwehr, Rettungsdienst, Notfallseelsorge und einem Elternpaar, das durch den Unfalltod seines Sohnes plötzlich zu Betroffenen wurde, den jungen Frauen und Männern anboten. Die Leiterin der Berufschule, Brigitte Schriefer, hatte sich bewusst dafür entschieden, allen Schülern die Teilnahme an diesem im wahrsten Sinne des Wortes "Crashtest" zu ermöglichen. Nicht alle hielten aber der Konfrontation auf der Leinwand mit zermalmten Blech, Blut und leblosen Körpern stand. Immer, wenn jemand den Saal bis in die Seele berührt verließ, waren stets Lehrkräfte behütend zur Stelle.

Notarzt schilderte unverblümt die Rettung von "Nicki"

Einfühlsam und doch in aller Deutlichkeit leitete Moderatorin Yvonne Marten von der PI Ludwigslust das Publikum durch die aufrüttelnde Stunde. Die Präventionsberaterin vermittelte den Ablauf der so genannten Rettungskette, also die Abfolge von der Alarmierung bis zum Überbringen einer Todesnachricht. Dabei wurde sie durch Menschen unterstützt, die immer wieder und oft sogar täglich um das Überleben von Unfallopfern kämpfen. Einer von ihnen ist Polizist René Kulow (45 Jahre), der seine fest in ihm eingebrannten Erinnerungen als einer der ersten Helfer an Unfallorten noch leicht verdaubar für seine Zuhörer preisgab. Als Feuerwehrmann Markus Eichwitz (24) dann berichtete, wie er bei einem nächtlichen Verkehrsunfall mit zwei Toten und drei schwer verletzten jungen Menschen am Einsatzort nur noch funktionierte, um mit jedem Handgriff Leben retten wollte, da senkten sich viele Köpfe im Saal, Augen wurden feucht und rot: Ausweichen war nur durch Aufstehen möglich, Betroffenheit pur - auch unter den zahlreichen Polizisten. "Ich war innerlich nur durch meine zweite Haut, der Einsatzkleidung von diesem Szenario geschützt. Die legte ich nach dem Einsatz ab, schlafen konnte ich nicht mehr, geschweige das Erlebte zu verarbeiten", schloss der ehrenamtliche Retter seine bedrückende Schilderung.

Als Notarzt auf einem Rettungshubschrauber bekommt Dr. Gernot Rücker (47) vom Universitätsklinikum Rostock täglich mit Unfallopfern im Straßenverkehr zu tun. Der für seine Lehre in der Notfallmedizin mit dem "Joachim-Jungius-Förderpreis" der Universität Rostock gewürdigte Mediziner schilderte unverblümt, im Detail und mit allen medizinischen wie menschlichen Konsequenzen die Rettung von "Nicki"; einer jungen Autofahrerin, deren Leben er mit Unterstützung vieler Notfallretter und dem medizinischen Einsatz über Stunden eines Teams von 20 Spezialisten im so genannten Schockraum im Klinikum rettete. Auch präsentierte der Mediziner die zahlreichen Operationen im Anschluss an die geglückte Notoperation. Er beendete seinen Rückblick auf ein Mädchen, für das es ein normales Leben jedoch nie wieder geben wird, mit der Aufforderung an die Berufsanfänger, den Begriff Eigenverantwortung ernst zu nehmen.

Auch für Notfallseelsorger Christophorus Baumert aus Dömitz ist der Tod eine reale Größe. Als Überbringer derartiger Nachrichten an Menschen, die er fast nie persönlich kennt, ist die Aufgabe für ihn stets eine Herausforderung und Belastung zugleich. Seinen selbst erlebten Berichten war zu entnehmen, welche Last auf einen solchen Überbringer drückt, wenn den Notfallseelsorgern Menschen die Tür öffnen, die oft ahnungslos oder mit hoffnungsvoller Sorge auf ihr Kind warten.

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