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Ludwigsluster Tageblatt

25. September 2017 | 15:18 Uhr

Ludwigslust : Schmerzhafte Wunde geschlossen

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Erstmals in MV: Wohngruppe für psychisch Kranke mit Pflegebedarf

von
erstellt am 04.Jul.2017 | 07:00 Uhr

Annemarie Buls steht im hellen Flur und zeigt in Richtung Fahrstuhl. „Dort war mein Zimmer, in dem ich Tag und Nacht für die Kinder da war“, erzählt die Diakonisse, die ab 1958 gut 15 Jahre lang Stationsschwester auf der Kinderstation des Stiftes Bethlehem war. An diese Zeiten erinnert im Bodelschwingh-Haus jedoch nicht mehr viel. Die gläsernen Trennwände zwischen Flur und Patientenzimmern sind verschwunden, im einstigen Spiel- und Aufenthaltsraum der Station ist eine große moderne Wohnküche für die neuen Bewohner entstanden. Pflegebedürftige mit psychischen Erkrankungen sollen dort in zwei Wohngruppen ein Zuhause finden. Mit einem Gottesdienst in der Stiftskirche wurde die Wiedereinweihung des geschichtsträchtigen Bodelschwingh-Hauses jetzt gefeiert.

Die Wohngruppen für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die gleichzeitig einen Pflegebedarf haben, sind nach Aussage von Stiftspropst Jürgen Stobbe in Mecklenburg-Vorpommern bisher einmalig. Die Bewohner mieten ein rund 20 Quadratmeter großes Zimmer mit Bad, gemeinschaftlich genutzt werden Wohnküche, Hauswirtschaftsraum und Keller. Pflegedienste kümmern sich um die pflegerischen Aufgaben, zusätzlich soll möglichst eine Präsenzkraft als Ansprechpartner vor Ort sein. „Es geht um größtmögliche Selbstständigkeit bei so viel Unterstützung wie nötig“, erklärte Jürgen Stobbe. Bisher seien Pflegebedürftige mit psychischen Erkrankungen zu 90 Prozent nicht versorgt, sondern würden im normalen Pflegeheim landen, was für alle eine Belastung sei. Die Deutsche Fernsehlotterie, das Landesamt für Gesundheit und Soziales MV und die Diakonischen Werke MV und Bayern haben den Umbau unterstützt.

Mit der Wiedereinweihung des Bodelschwingh-Hauses hat sich nach Aussage von Propst Stobbe für das Stift Bethlehem „eine schmerzhafte Wunde  geschlossen, die seit dem Jahr 2000 offen stand“. Damals war die inzwischen ganz geschlossene Kinderstation in den Krankenhaus-Neubau gezogen, das Bodelschwingh-Haus blieb leer. „Einst von den Johannitern erbaut, konnte es seiner Bestimmung nicht mehr dienen“, so Jürgen Stobbe. Franz Graf von Schwerin, Kommendator der Mecklenburgischen Genossenschaft des Johanniterordens, ergänzte: „Es ist eine große Herausforderung, eine alte Bausubstanz mit so einer neuen Aufgabe zu erfüllen.“ Die Johanniter seien dankbar, dass dieses Haus, das Teil ihrer Geschichte ist, erhalten werden kann. 1912 war der Grundstein für das Gebäude gelegt worden, das zunächst Siechenheim, später Lazarett und Krankenhaus war.

Im Gottesdienst bat Stiftspropst Stobbe, dass die Ökonomie nicht über die Barmherzigkeit regieren, dass Gesetze nicht über der Liebe stehen mögen. Nicht ohne Grund. Noch gibt es einige Diskussionen mit den Kostenträgern zur Finanzierung. Der Zuschlag zu den Mietkosten ist da ein Thema, die Frage, wann eine Wohngruppe eine Wohngruppe ist – und wann nicht, ein anderes. „Mit dem Projekt wird etwas gegen die Vereinsamung von Menschen getan, die nicht in ein Pflegeheim passen“, meinte Wolfgang Schmülling, stellvertretender Landrat. „Da müssen auch die Pflegekassen mal Neues wagen.“

Vier Mietverträge für die Pflege-Wohngruppen sind bereits unterschrieben, die ersten Mieter ziehen in dieser Woche ein. Jürgen Stobbe hofft, dass bis Jahresende alle 20 Wohneinheiten genutzt werden. Das Stift Bethlehem sei aber auch mit dem neuen Bodelschwingh-Haus noch lange nicht fertig. „Wir müssen uns auf Veränderungen einlassen“, so Jürgen Stobbe. „Wir wollen dahin gehen, wo die Menschen uns brauchen.“

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