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Ludwigsluster Tageblatt

19. November 2017 | 19:11 Uhr

Geflüchtet : „Plötzlich wusste ich zu viel“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Die Iranerin Elaheh erzählt ihre Geschichte, wie sie aus ihrem Heimatland fliehen musste und in Ludwigslust neue Hoffnung fand.

svz.de von
erstellt am 16.Mai.2015 | 07:00 Uhr

An diesen einen Tag, der alles änderte, erinnert sich die Iranerin Elaheh Fakherynik, von allen nur Elly genannt, noch ganz genau. Es war ein Donnerstag, an dem sie auf einer Parkbank irgendwo im Grünen in Berlin saß und aus völliger Verzweiflung weinte. „Was ist dir passiert?“, kam eine deutsche Frau auf sie zu und setzte sich zu ihr. Es war der schlimmste Tag in Ellys Leben.

Alles fing mit einem Urlaub an. Zehn Tage Hamburg für die Teheranerin und ihren Sohn Dayan. „Ich kam als Tourist nach Deutschland“, erzählt die heute 41-Jährige.

Im Iran war sie 15 Jahre lang als Dolmetscherin im Erdölgeschäft tätig, spricht fließend Englisch, Arabisch, Türkisch, Persisch und Französisch. „Ich hatte das Beste in meinem Leben, in meinem Land mit meinen Freunden, meinen Kollegen, der Familie“, erzählt Elly mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Dann verstummt sie, senkt den Kopf und erinnert sich an den 26. Juni 2013: In Hamburg erhält Elly während ihres Urlaubs einen panischen Anruf ihres Mannes. Ihr drohe Gefahr, habe er sie gewarnt. Worum genau es ging, fürchtet Elly offen zu erzählen. „Sagen wir es so: Plötzlich wusste ich zu viel. Eine Rückkehr in den Iran war ausgeschlossen.“

Also suchte sie sich in der Hansestadt einen iranischen Rechtsanwalt, denn damals sprach sie kein einziges deutsches Wort. „Ich erzählte ihm von dem Problem, in dem ich steckte, dass ich mit der Polizei zusammenarbeiten würde und nun nicht weiter wüsste. Die einzige Chance, die ich hätte, so meinte der Anwalt, sei ein Antrag auf Asyl.“

„Dann kannst du auch Steine essen.“

64 Tage verbrachte Elly mit ihrem Sohn in Hamburg, viele weitere Wochen an einem geheimen Ort „irgendwo im Wald“, wie sie sagt. „Für meinen Sohn war es ein Abenteuer. Zum Mittag gab es Nudeln, abends Wurst – er hat es geliebt.“ Doch jeden Tag das gleiche Essen machte die beiden krank. „Wenn ich gefragt habe, ob es was anderes gebe, wurde uns gesagt: Du bist die, die in Gefahr ist. Dann kannst du auch Steine essen.“ Elly schluckt. Immer wieder sei ihr abweisend oder verachtend begegnet worden. „Die Sprachbarriere war das größte Problem“, sagt sie.

Nachdem Elly und ihr Sohn die Aufenthaltserlaubnis bekamen, verschlug es sie über einige Umwege nach Berlin. Eine alte Freundin der Mutter bot den beiden Hilfe an – vermeintlich. Denn ohne Deutschkenntnisse unterzeichnete Elly einen Mietvertrag. Doch Geld für die Miete besaß sie keines. So wurde sie obdachlos.

Das war an jenem Donnerstag. Ihr Sohn war in der Schule, Elly weinte im Park. Die Frau, die sich zu ihr setzte, empfahl ihr, Unterkunft beim Frauenhaus zu finden. Hilfesuchend wandte sich Elly zunächst an das Jugendamt. Das erklärte ihr, mit ihrem Sohn könne sie nicht ins Frauenhaus, nur wenn sich die beiden trennen würden. „Völlig ausgeschlossen“, war für Elly dieser Vorschlag. Damit blieb für sie die letzte Chance: Ein Obdachlosenheim. „Wir waren hungrig, müde und erschöpft.“

Tiefpunkt in Berlin, Hoffnung in Ludwigslust

Während Elly ihre Geschichte weiter erzählt, füllen sich allmählich ihre dunkelbraunen Augen mit Tränen. „Als wir unsere Zähne putzen wollten, fanden wir im Bad eine Frau. Sie hatte sich eine Nadel gesetzt. Heroin.“ Elly unterbricht das Gespräch und verlässt den Raum. Nach wenigen Minuten kehrt sie zurück, strahlend: „Ich weiß nicht, wie ich aus diesem Horrorfilm geflohen bin, aber ich habe es geschafft.“

Hilfe dafür bekam sie aus Ludwigslust. Hier wohnt sie heute mit ihrem Sohn und Mann, der ihr nach einigen Monaten aus dem Iran folgte, in einer kleinen, gemütlichen Wohnung. In einem siebenmonatigen Integrationskurs lernte sie die deutsche Sprache – die sechste in ihrem Repertoire. Unzählige Bewerbungen als Dolmetscherin folgten. Eine Chance gab ihr die Awo in der Lindenstadt: Dort betreut Elly heute Flüchtlinge. „Ich möchte unbedingt helfen. Ich kenne die Probleme nur zu gut, die man hat, wenn man in ein fremdes Land kommt, ohne Sprachkenntnisse, ohne Wissen über Anträge und Formulare“, sagt sie.

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