Parchim : Ostpreußen bleibt in Erinnerung

Dr. Friedrich-Eberhard Hahn aus Parchim organisiert seit mehr als zwei Jahrzehnten Heimattreffen des Bezirks Gumbinnen

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16. März 2014, 10:58 Uhr

Ein gebürtiger Mecklenburger engagiert sich für Ostpreußen: Dr. Friedrich-Eberhard Hahn (75) organisierte am Sonnabend das mittlerweile 43. gesamtdeutsche Heimattreffen des ehemaligen Regierungsbezirkes Gumbinnen im Landhotel in Spornitz.

Seine Mutter stammt aus Angerfelde im ehemaligen Kreis Gumbinnen, berichtet der Parchimer. Sie war als Dienstmädchen bei einem Arzt, bei Dr. Roman Januschewski, in Stellung. Als der 1935 über einen Ringtausch von Ostpreußen nach Grabow in Mecklenburg gelangte, zog die junge Frau mit. Die Angehörigen blieben in Ostpreußen.

Und ihnen erging es wie ihren Landsleuten in ganz Ostpreußen am Ende des zweiten Weltkrieges: Sie flohen oder wurden vertrieben. Die ersten der rund 24 000 Einwohner der Stadt Gumbinnen flohen 1944. Zwei Jahre später wurde die Stadt nach einem Offizier in den Namen Gusev (auch Gussew) umbenannt und gehört heute zum Gebiet Kaliningrad (einst Königsberg) in Russland.

Einige der Verwandten von Dr. Friedrich-Eberhard Hahn kamen auf der Flucht nach Grabow. Beim Spielen auf dem Güterbahnhof stieß der junge Friedrich-Eberhard auf einen ganzen Waggon voller Utensilien aus der Region Gumbinnen. Dabei fiel ihm auch ein Foto seiner Tante und seines Onkels in die Hände. Die Verwandten selbst wussten noch nichts davon. Sie waren seinerzeit noch in der Region Havelberg.

„Sie kamen alle zu uns“, berichtet Hahn. Grabow war eine Anlaufstelle. Die Flucht der Verwandtschaft war in Mecklenburg aber keineswegs zu Ende. Der damalige Bürgermeister von Grabow entschied, dass die Flüchtlinge zurück müssen in den Kreis Gumbinnen, da es in Grabow keine Arbeit und keine Wohnungen gab. Damit begann ein neues Martyrium in der russisch besetzten alten Heimat – mit viel Leid. Erst Jahre später zogen die Deutschen wieder weg.

Auch wenn Hahn die Flucht selbst nicht selbst miterleben musste, hat sich die Zeit am Ende des von den Nazis angezettelten Weltkrieges in seine Erinnerungen gebrannt.

Den Zusammenbruch, wie Dr. Friedrich-Eberhard Hahn es nennt, habe er als Sechsjähriger erlebt. In Grabow wurde eine Infanterieeinheit aufgelöst, die quasi das letzte Aufgebot der Deutschen war. Dazu gehörten Amputierte und Greise. Die Männer flohen Richtung Dömitz, ließen Waffen und Munition zurück. Die gefährlichen Sprengladungen wurden zu einem ganz alltäglichen Spielzeug für die Kinder.

„Mein Vater sollte erschossen werden“, erinnert sich Hahn an ein anderes Schreckenserlebnis seiner Kindheit. Ein deutscher Marinesoldat hatte versucht, einen Russen zu erschießen. Darauf wurden er und dessen Vater hingerichtet. Eigentlich wollten die Militärs der Roten Armee weitere 20 Männer aus Rache hinrichten, sie trieben sie zusammen - darunter Hahns Vater. Zum Glück blieben diese Männer aber doch am Leben.

Dr. Friedrich-Eberhard Hahn hat die Heimat seiner Familie in der Region Gumbinnen mehr als einmal besucht - als Kind mit seiner Mutter noch vor Ende des Krieges, als Erwachsener sowohl vor als auch nach der Wende.

Nach der Wende hatte ein Landsmann aus Gumbinnen, der inzwischen verstorbene Günther Gaudzsun aus Lüneburg, Dr. Friedrich-Eberhard Hahn angeregt, Heimattreffen, die in den alten Bundesländern bereits Tradition hatten, auch in der ehemaligen DDR zu organisieren. Zum ersten Treffen im Jahr 1993 in Parchim kamen 183 Besucher. Doch die Zeit und damit das zunehmende Alter der Flüchtlinge spielt sieben Jahrzehnte nach der Vertreibung gegen die Ostpreußen. Mittlerweile kommen zwischen 50 und 80 Frauen und Männer zu den Treffen des Regierungsbezirks Gumbinnen nach Spornitz. Etwa 5000 Besucher waren es aber zusammen genommen im Laufe der Jahre. Und sie kamen auch aus anderen Teilen des alten Ostpreußens. Da sich jeder in eine Liste einträgt, kamen einstige Nachbarn nach Jahrzehnten wieder miteinander in Kontakt.

Das 44. gesamtdeutsche Heimattreffen des ehemaligen Regierungsbezirkes Gumbinnen ist bereits geplant – am 15. November ebenfalls im Landhotel in Spornitz.

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