Ludwigslust : Ohne Handy auf Wanderschaft

Mit Stenz und „Charlie“, in dem sein Hab und Gut verstaut ist, ist Ludwig Flittert auf Wanderschaft.
Mit Stenz und „Charlie“, ein Gepäckstück, in dem sein Hab und Gut verstaut ist, ist Ludwig Flittert auf Wanderschaft.

Zimmermann auf der Walz machte gestern in Ludwigslust Station

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23. August 2016, 08:39 Uhr

 „Gegen Fernweh hilft nur Heimweh“, sagt Ludwig Flittert. Um irgendwann Heimweh zu spüren, ist der gebürtige Dresdener vor einem Jahr in die Welt hinausgezogen. Gestern erreichte der Zimmermann auf der Walz Ludwigslust. Im Büro von Bürgermeister Reinhard Mach holte er sich eine Unterschrift für sein Reisebuch, das seine Wanderschaft dokumentiert.

Nach dem Abschluss der Lehre hätte Ludwig Flittert in seinem Ausbildungsbetrieb bleiben können. „Aber ich wollte erst einmal etwas von der Welt sehen“, erklärt der 21-Jährige. Am 1. September 2015 marschierte er los. Von Dresden unter anderem nach Leipzig, Ravensburg und Zürich, später nach Österreich und Heppenheim in Hessen. Die Hälfte der Zeit ist er zu Fuß unterwegs, die andere Hälfte per Anhalter. „Wichtig ist, dass ich fürs Vorankommen und fürs Übernachten nichts bezahlen darf“, erklärt Ludwig Flittert. Öffentliche Verkehrsmittel dürften nur im Notfall genutzt werden. „Ich laufe sehr viel, weil es Spaß macht und man viel mehr von der Gegend sieht, als wenn man im Auto sitzt.“

Um finanziell über die Runden zu kommen, sucht er sich immer wieder Jobs. „Ich spreche Leute auf der Straße an oder frage in den Rathäusern oder bei Handwerkskammern, ob sie mögliche Arbeitgeber kennen“, sagt er. „Und dann bekommt man ja auch Tipps von anderen Gesellen auf Wanderschaft.“ In Zürich hatte der junge Geselle zwei Monate in einer großen Zimmerei in der Restauration und im Innenausbau gearbeitet, in Heppenheim half er bei der Sanierung eines Fachwerkhauses. Für seine Arbeit bekommt er nicht nur Kost und Logis, sondern auch den Tariflohn gezahlt. Und wenn es mal nicht mit einer Unterkunft klappt, schläft er draußen in seinem Schlafsack.

Dass er auf die Walz gegangen ist, hat Ludwig Flittert noch keine Sekunde bereut. „Ich mag die Freiheit zu bleiben, wo es mir gefällt, und weiterzugehen, wenn es mir irgendwo nicht gefällt“, erklärt der 21-Jährige, schränkt aber gleich ein: „Von einer offenen Baustelle reise ich natürlich nicht ab.“ Sich selbst in die Pflicht zu nehmen, immer weiterzumachen und nicht etwa zu versacken, das sei eine Schule fürs Leben.

Nach dem Besuch des Ludwigsluster Schlosses sollte es gestern weiter nach Lüneburg gehen. Den Winter über will er dann an der spanischen Südküste tippeln. „Da wird dann viel gebaut“, so Flittert. Er hofft, dass ihn seine Wanderschaft auch noch nach Südamerika und nach Nepal führt. Seinem Weg sind keine Grenzen gesetzt, fast keine. Nur den 50-Kilometer-Bannkreis um seine Heimatstadt darf er während der Walz, die mindestens drei Jahre und einen Tag dauern muss, nicht betreten. Um mit Eltern oder Freunden sprechen oder mailen zu können, muss er eine Telefonzelle oder ein Internetcafé finden. Denn eines darf er auf seiner Wanderschaft nicht dabei haben: ein Handy. Heimweh hat er trotzdem (noch) nicht.

Kathrin Neumann

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