Ludwigslust : Ohne Haare wieder glücklich

Vor dem Friseur: Kahle Stellen am Kopf blicken hervor.
1 von 4
Vor dem Friseur: Kahle Stellen am Kopf blicken hervor.

Yvonne aus Grabow leidet an kreisrundem Haarausfall. Um beleidigenden Sprüchen zu entkommen, entschied sie sich für Glatze und Perücke.

svz.de von
29. April 2015, 12:00 Uhr

Ein kleines Mädchen, gerade einmal elf Jahre alt, sitzt mit ihren dunkelblonden langen Haaren beim Friseur und schaut in den Spiegel. „Bist du dir sicher, dass ich dir die Haare abschneiden soll?“ fragt die Frisörin. „Ja“, sagt Yvonne bestimmt. Dann setzt die Frisörin die Schere an: Die ersten Strähnen fallen zu Boden, kurze Zeit später sind alle Haare ab. Das Mädchen blickt ununterbrochen in den Spiegel, ihr Blick fixiert ihr Gesicht und die Haare, die nur noch wenige Zentimeter lang sind. Dann ertönt ein summendes Geräusch – mit dem Rasierer entfernt die Frisörin die allerletzten Haare, bis eine Glatze sichtbar ist. Die Elfjährige ist sehr tapfer. Sie weint nicht. Sie hält die Situation regungslos aus. Es scheint so, als akzeptiere sie ihren neuen Anblick. Nach kurzer Zeit guckt sie ihre Mutter durch den Spiegel an und sagt: „Jetzt sehe ich ja aus wie Papa.“ Ein Satz, der für Außenstehende scherzhaft klingen mag.

Vater leidet ebenfalls an dieser Erbkrankheit

Doch dahinter verbirgt sich mehr: Papa Ralf Drefin hat wie nun seine Tochter keine Haare mehr auf dem Kopf. „Wir leiden an einer Erbkrankheit, die kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata) verursacht“, erzählt er. Bei seiner elfjährigen Tochter seien 2012 zuerst ein kleiner Teil der Haare, dann immer mehr Haarbüschel ausgefallen. Kahle Stellen kamen am gesamten Kopf zum Vorschein. „Ich wurde in der Schule gehänselt“, erzählt Yvonne. Die Blicke der anderen Schüler seien dabei sehr schlimm gewesen und machten sie traurig. Sie habe sich mit ihrer Tante, die ebenfalls an der ärztlich festgestellten Erbkrankheit leidet, unterhalten. Diese habe sich früher ebenso für eine Glatze entschieden, um dann mit einer Perücke wieder ein neues Selbstwertgefühl aufbauen zu können. Auch das möchte die Elfjährige: Vor Wochen habe sie sich eine Perücke im Ludwigsluster Friseurgeschäft „Neue Linie“ ausgesucht. Blondes, langes Haar, das aussieht, als sei es echt.

Die Frisörin setzt die Perücke auf den Kopf des jungen Mädchens und bringt die neuen Haare in Position. „Das sieht schön aus“, freut sich Yvonne, als sie sich im Spiegel betrachtet. Ihre Augen beginnen immer mehr zu strahlen.

Was nach einem schnellen Besuch beim Friseur klingt, war für die Familie mit viel Ärger im Vorhinein verbunden: „Die Krankenkasse wollte die Kosten für die Perücke nicht übernehmen. Wir mussten daraufhin dreimal Widerspruch einlegen“, sagt Ralf Drefin, der diese Ablehnung bis heute nicht nachvollziehen kann. Eine Perücke koste um die 500 Euro. Inzwischen hat die Krankenkasse ihre Meinung geändert und nun doch die Kosten übernommen.

„Als Nächstes werde ich eine Facebook-Seite mit dem Namen „Alopecia areata.mv“ erstellen, um auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Mein Ziel ist es, dass meine Tochter sich auch mit anderen austauschen kann und sieht, dass sie nicht die Einzige ist, die in ihrem Alter an dieser Krankheit leidet“, so Drefin. In Bayern gebe es Treffs von Betroffenen, bei denen sich ausgetauscht wird. Aber in Norddeutschland sei er bei seinen Recherchen nicht fündig geworden. „Das würde ich gern ändern“, sagt er. Zudem wünsche er sich, dass sich ein Psychologe findet, der ab und zu auf die Kommentare und Anfragen der Betroffenen auf der Facebook-Seite schaut und auf diese reagiert.

Yvonne Drefin bewundert ihre Haare derweil weiter im Spiegel. Ihre Augen glänzen. Sie ist froh, mit ihren neuen Haaren wieder ein „normales“ Leben führen zu können – ohne andauernd auf ihre kahlen Stellen am Kopf angesprochen zu werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen