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Neustadt-Glewe : „Nur Zuschauen gibt ’s hier nicht“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Künstler Hellmut Martensen weiht Atelier-Gäste in die hohe Kunst der Radierung ein

von
erstellt am 04.Okt.2014 | 07:00 Uhr

Vor der Kunst kommt die Arbeit. Das bekommt Christina Brüning im Atelier von Hellmut Martensen schnell zu spüren. „Eigentlich bin ich nur hier, um zu schauen, wie es geht“, sagt sie. Aber Martensen drückt ihr Schleifpapier und eine fliesengroße Zinkplatte in die Hand und sagt: „Nur Zuschauen gibt ’s hier nicht.“
Christina Brüning ist an diesem Donnerstagnachmittag nicht die einzige in Martensens Atelier. Der Künstler hat in seiner Werkstatt Tische zusammengeschoben und Trinkflaschen bereitgestellt. Dort, wo er sonst am liebsten ganz allein und in absoluter Stille arbeitet, empfängt er heute Gäste.

Der Grund ist die aktuelle Grafik-Ausstellung „Prolog_01“ auf der Neustädter Burg. Dreißig Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern stellen hier aus. Martensen ist einer von ihnen. Und weil sein Atelier nur wenige Straßenzüge von der Burg entfernt liegt, will er die Ausstellungsbesucher gleich vor Ort in die hohe Schule der Schwarzen Druck-Kunst einführen.

Und die beginnt mit Schmirgeln. Mit kurzen kreisrunden Bewegungen poliert Christina Brüning die Zinkplatte nun so lange, bis die Oberfläche spiegelglatt ist. Ein bisschen anstrengend ist das, meint sie. Und mit Kunst hat das für den Betrachter in dem Moment noch wenig zu tun. Neben ihr schleifen noch drei andere Besucher die Platten. Von Hellmut Martensen erfahren sie nicht nur die Grundarbeitsschritte der Radierung, er erklärt ihnen auch verschiedene Druck-Verfahren und kommt dabei ins Plaudern. Über Rembrandt, den Meister der Radierungen. Über die Picasso-Drucktechnik. Oder über Horst Janssen, der angeblich mal seine Platte im Säurebad vergessen hatte, so dass sich das ganze Kunstwerk ablöste und in der Schale schwamm.

Drei Stunden verbringen die Gäste in Martensens Werkstatt. Mit der Radiernadel ritzen sie Bilder auf die Zinkplatten, baden sie dann in Säure, füllen später die eingeätzten Vertiefungen mit schwarzer Druckerfarbe, bevor sie die Platte samt weißem Papier in die Druckerwalzpresse legen. „Total spannend ist das“, sagt Gerd Laudon, als er seine Radierung endlich aus der Presse holen und sie das erste Mal betrachten kann. Der Ludwigsluster hatte sich gemeinsam mit seiner Frau für den Workshop angemeldet. „Dass es interessant wird, war uns klar“, sagt er. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass es auch so viel Spaß macht.“
Die Schwarze Kunst des Druckens – für Hellmut Martensen gibt es in Norddeutschland nur noch eine Handvoll Künstler, die sie wirklich beherrschen. Auch an den Kunsthochschulen spiele sie bei all der Schnelllebigkeit heute kaum noch eine Rolle, bedauert Martensen.

Die Ausstellung „Prolog_01“ auf der Neustädter Burg will die Schwarze Kunst vor dem Vergessen bewahren und Neues anstoßen. Einen Grafik-Wettbewerb vielleicht. Oder eine Wanderausstellung. Wer die aktuelle Schau in der Lewitzstadt nicht verpassen will – die Grafiken sind noch bis 16. November im Galeriegeschoss der Burg zu sehen.


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