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Ludwigsluster Tageblatt

17. Dezember 2017 | 03:28 Uhr

Ludwigslust : Mord-Spur der alten Steine

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Ehrenamtliche kümmern sich um „Sühnesteine“ als besondere Zeugen der Geschichte

svz.de von
erstellt am 16.Feb.2016 | 16:13 Uhr

Es ist der 5. Mai 1871. Hell schimmern die Birken an der Berlin-Hamburger Bahn in der Frühlingssonne. Der Bahnwärter der Wärterbude 2 am Übergang Laascher Weg hat gerade die Schranken für den aus Hamburg kommenden Zug geschlossen, als ein lauter Knall die nachmittägliche Stille zerreißt.

Ein reiterloser Schimmel kommt im ruhigen Trab den Weg entlang und hält an der Schranke an. Inzwischen sind auch Forstarbeiter hinzugekommen. In der Annahme, es handele sich um das Pferd des Forstmeisters Passow, machen sie sich auf die Suche nach dem scheinbar Verunglückten.

Weil der Boden durchweicht ist, lassen sich die Spuren leicht verfolgen – bis das Pferd scheut und sich weigert weiterzugehen. Es bleibt nichts weiter übrig, als nach Ludwigslust zurückzureiten, wo der Schimmel als das Ross des früheren Rittergutsbesitzers Seeler, Bürger der Stadt, erkannt wird.

Währenddessen suchen andere Arbeiter weiter und finden in einer Dickung, wo heute ein Gedenkstein steht, die Leiche des offensichtlich erschossenen Seeler.

Die sofort aus Grabow herbeigerufene Gerichtskommission nimmt im Verein mit den Forstbeamten noch vor Einbruch der Dämmerung die Untersuchung auf. Schnell kommt der Verdacht auf, Seeler sei das Opfer einer Verwechslung geworden, denn auch der bei den Wilderern der Gegend verhasste Forstmeister Passow ritt für gewöhnlich einen Schimmel.

Mann aus Karstädt gerät ins Visier

Noch in der darauf folgenden Nacht verhaftet der Gendarm einen Mann aus der „Karstädter Bande“, den 29-jährigen Arbeiter Heinrich Kruse, mittelgroß, schlank, leicht vornüber gebeugter Gang, rötlich blonde Haare, dunkle stechende Augen, der als Wilddieb berüchtigt und von den Dorfbewohnern gefürchtet ist. Der Forstmeister hatte ihn als jemand bezeichnet, dem er die Tat zutrauen würde.

Kruse kommt in das Untersuchungsgefängnis Grabow. In den nächsten Tagen werden weitere Spuren gefunden, die den Verdacht gegen ihn erhärten. Er wird schließlich 15 Jahre in Bützow absitzen.

Bisher zehn Steine in der Gegend gefunden

Rudolf Gosselck hat die Geschichte des Wilderers Kruse 1957 aufgeschrieben. Der Ludwigsluster Horst Hintze hat das runde Dutzend Seiten an einem Nachmittag mit in Dieters Gaststätte nach Groß Laasch gebracht. Dort treffen sich Enthusiasten, die sich für die Geschichten, die sich um die „Mordsteine“ genannten Denkmale ranken, interessieren. Auch Gerd Saffan aus Groß Laasch ist dabei, der mehrere Steine gefunden und gereinigt hat.

Frank Boehme aus Pritzwalk hält ein wenig die Fäden in der Hand. „Es wäre schön, wenn uns aufmerksame Bürger auf noch mehr solcher Gedenksteine hinweisen würden“, bittet er um Mithilfe. Wer welche kennt, wird gebeten, sich bei Horst Hintze, dessen Familie ein Baugeschäft am Ludwigsluster Rennbahnweg inne hat, zu melden.

Solche „Mordsteine“ werden auch „Sühnesteine“ genannt. Ihre Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück. Sie wurden immer an der Stelle errichtet, an der ein Mord geschehen war.

Leben des Wilderers endet durch Selbstmord

Wie die Geschichte des Kruse weiterging, berichtet Rudolf Gosselck ebenfalls. Er saß die 15 Jahre ab. Anschließend setzte er die Wilderei fort und verletzte bei einem Schusswechsel den Stationsjäger Albrecht aus Güritz schwer. Kruse zog erneut 15 Jahre ins Zuchthaus. Wieder entlassen, war sein Auge trüb geworden und er widmete sich der Korbflechterei.

1910  schließlich war er verschwunden. Bauern fanden seine halb verweste Leiche nach Monaten auf einem Feld. Der gefürchtete Wilderer Heinrich Kruse aus Karstädt hatte sich mit einer Pistole selbst gerichtet.Uwe Köhnke

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