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Ludwigsluster Tageblatt

24. Oktober 2017 | 00:53 Uhr

Brunow : Mit Stiefeln auf die Barrikaden

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Landwirte aus der Region bereiten sich auf ungewöhnlichen Protest am Brandenburger Tor vor / Aus für Brunower Bauernmarkt

von
erstellt am 26.Mai.2016 | 17:40 Uhr

Am Wochenende können bei der Agrargenossenschaft Brunow alte Gummistiefel und Arbeitsschuhe über den Zaun geworfen werden.

Was sich wie ein ungewöhnlicher Spaß anhört, ist in Wahrheit bitterer Ernst. Die Brunower werden die Fußbekleidungs-Utensilien einsammeln und mitnehmen.

Am Montagmorgen fahren sie nämlich nach Berlin. Am Brandenburger Tor wird ein stiller Protest der Milchbauern stattfinden. Sie werden dort Arbeitsschuhe und -stiefel, auch Zitzengummis und anderes, was der Milchbauer für seine tägliche Arbeit braucht, ablegen.

Der Termin ist nicht von ungefähr gewählt. An diesem Tag hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) die Milchindustrie, den Raiffeisenverband und den Deutschen Bauernverband zu einem Gespräch über die aktuelle Situation der Landwirtschaft eingeladen.

Verbände der Landwirte, die sich in der Vergangenheit kritisch zur Politik der Bundesregierung geäußert hätten, seien ausdrücklich ausgeladen worden, ärgert sich Helge Dieckmann, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Brunow. Die Milchbauern aus dem Ort werden mit in Berlin beim Protest vertreten sein. Dieckmann hat immer wieder auf die prekäre Situation der Milchbauern aufmerksam gemacht.

Der Milchpreis ist in den letzten Monaten immer tiefer in den Keller gerutscht. Der Landwirtschaft, in Mecklenburg traditionell Struktur bestimmender Wirtschaftszweig, geht es schlecht.

„So ist die Situation“, so der Brunower Landwirt. Nach der Agrarministerkonferenz in Göhren-Lebbin war Hoffnung aufgekommen. Die Agrarminister der Länder hatten beschlossen, sich bei der Milch für eine freiwillige Mengenbegrenzung einzusetzen. Sollte das nicht funktionieren, wollten die Minister wieder zusammenkommen, um zwangsweise Maßnahmen zu beraten. „Soweit alles gut, aber die Bundesregierung sträubt sich dagegen“, so Helge Dieckmann. Der Bundeslandwirtschaftsminister setze weiter auf Liquiditätsdarlehen und Stundungsvereinbarungen.

Zwar hat der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Peter Bleser, für den heutigen Freitag die Interessenvertretungen der Bauern eingeladen. „Nach dem letzten Kenntnisstand, den ich habe, wollen die aber nicht hinfahren“, so Helge Dieckmann. Die Bauern wollen dafür am Montag mit ihrem Protest vor dem Brandenburger Tor darauf aufmerksam machen, wie viele Landwirte bereits ihre Arbeitsutensilien abgegeben haben oder kurz vor dem Ruin stehen.

Die Brunower selbst haben in den letzten Monaten bereits drastische Maßnahmen ergriffen, um die Liquidität ihres Betriebes zu sichern, zum Beispiel die Schweineproduktion komplett eingestellt (SVZ berichtete). Den nächsten Schritt werden die Einwohner des Dorfes schon bald verspüren. „Am 30. Juni schließen wir den Brunower Bauernmarkt“, kündigt Dieckmann an. Ein Dorfladen, den selbst Ministerpräsident Erwin Sellering vor zwei Jahren bei einem Sommerbesuch lobte. Der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft hat Sellering bei einem Gespräch jüngst gesagt, in diesem Sommer brauche er dort nicht mehr vorbeizufahren. Den Bauernmarkt werde es dann nicht mehr geben.

Die Lage ist dramatisch. Bauern gehen bereits dazu über, ihren Boden und damit die Existenzgrundlage zu verkaufen. Die ersten Milchlaster aus Holland rollen nach Deutschland, voll mit Milch, für die als Erzeugerpreis neun Cent bezahlt wurden. Zum Vergleich: Die Brunower bekommen noch 22 Cent pro Kilogramm Milch – viel zu wenig, denn zum Kosten deckenden Produzieren bräuchten sie rund 40 Cent. Der gesamten ländlichen Infrastruktur droht das Aus.

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