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Ludwigsluster Tageblatt

21. September 2017 | 10:51 Uhr

Gross Laasch : Mit reiner Armkraft auf Hochtouren

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Rollstuhlfahrer Michael Bahr erweitert mit Handbike seinen Bewegungsradius / Gesundheit und Geschwindigkeit treiben 41-Jährigen an

svz.de von
erstellt am 26.Mai.2014 | 11:55 Uhr

Michael Bahr als sportlichen Exoten zu bezeichnen, trifft es vielleicht nicht so ganz, aber in jedem Fall fällt der 41-jährige Groß Laascher auf. Der gelernte Dachdecker, der seit einem Arbeitsunfall 2001 querschnittgelähmt ist und im Rollstuhl sitzt, hat für sich das Handbiken entdeckt. Er betreibt diesen Sport sehr intensiv: „Im vergangenen Jahr bin ich auf rund 9000 Trainingskilometer gekommen, circa 6000 Kilometer auf der Straße und noch einmal 3000 Kilometer drinnen auf der Rolle.“ Als bevorzugte Trainingsstrecke nutzt Bahr mit dem Hightec-Sportgerät, das er seit Januar fährt, die Lewitz. Dort mache die Beschaffenheit der Straßen und Wege ein relativ ungefährliches Fahren möglich. Sein Hobby ist nicht ganz billig. Mit 5000 bis 8000 Euro muss man für ein Rad entsprechender Qualität schon rechnen – nach oben ist die Preisskala offen. Auch die Ersatzteile gibt es nicht „von der Stange“. Ohne die finanzielle Unterstützung der Berufsgenossenschaft wäre das nur schwer zu wuppen gewesen. „Ich bin sportlich zuvor nicht sonderlich ambitioniert gewesen. Der Unfall hat aber einen regelrechten Bewegungsdrang ausgelöst.“ Der Groß Laascher versuchte sich im Rollstuhl-Basketball und in der Leichtathletik, um festzustellen: „Das ist nicht wirklich mein Ding.“

Zum Handbike kam er durch einen Zimmernachbarn bei der Reha, der inzwischen eine Karriere als Handbike-Profi eingeschlagen hat. Das kam für Michael Bahr nie in Frage, doch dessen Anschub, es selbst einmal auszuprobieren, blieb nicht ohne Wirkung. Die Begeisterung war geweckt: „Das kommt mir entgegen. Ich bin nicht der Typ, der als Rollstuhlfahrer die Hände in den Schoß legt.“ Mit dem Bike könne er den eingeschränkten Bewegungsradius eines Rollstuhlfahrers erheblich erweitern, durch die Landschaft fahren und mit der Familie unterwegs sein. Es gibt noch eine Reihe weiterer guter Gründe. Da sind das Gefühl von Selbstständigkeit, der Gesundheitsaspekt und die Geschwindigkeit: „Ich bin in der Lage, mit Rennradsportlern mitzuhalten und mich im Vergleich mit Nichtbehinderten zu beweisen, das macht Riesenspaß.“ Insofern fühlt er sich bei den „Radgiganten“ bestens aufgehoben. Das ist eine Truppe von aktuell zwölf Sportlern, die sich 2008 als eigene Sparte dem SV Groß Laasch angeschlossen haben und neben dem Schwerpunkt Radsport auch schon mal im Triathlon oder Laufen unterwegs sind.

Zu den sportlichen Höhepunkten zählt der 41-Jährige Starts bei den großen Stadtmarathons in Berlin und Hamburg, wo die Handbiker längst ihren festen Platz im Wettkampfprogramm gefunden haben: „Als Hobbysportler mit Olympiasiegern und Weltmeistern an der Startlinie zu stehen, das ist schon ein tolles Erlebnis.“ In Mecklenburg-Vorpommern steckt die Handbike-Szene noch in den Kinderschuhen. Beim diesjährigen Schweriner Nachtlauf, Anfang des Monats, wurde zum zweiten Mal ein Handbike-Rennen ausgetragen. Es ging vier Runden um den Pfaffenteich. Michael Bahr benötigte für die 6,4 km gerade einmal 13:40 min. und siegte mit großem Abstand. Trotz der nicht eben optimalen Bedingungen, die das Kopfsteinpflaster bot, beschleunigte er sein Rad mit reiner Armkraft auf Geschwindigkeiten von weit über 40 Stundenkilometern. Natürlich freute er sich über den Siegerpokal, wichtiger war ihm aber, diesen Wettkampf als Plattform zu nutzen, aufmerksam zu machen und vielleicht auch den ein oder anderen Rollstuhlfahrer zu motivieren, selbst sportlich aktiv zu werden. Art und Umfang könne ja jeder individuell festlegen. Vor gut einer Woche veranstalteten die „Radgiganten“ in der Lewitz ihr 5. Einzelzeitfahren. Bahr ging als Erster der insgesamt 31 Teilnehmer auf die Strecke und schaffte es, in den 20,8 km von keinem Rennradfahrer eingeholt zu werden – gestartet wurde in 60-Sekunden-Abständen. Beim Sieg des Schweriner Triathleten Robert Prahl (31:18 min.) landete er auf dem hervorragenden 22. Platz (35:55 min.). Er würde sich wünschen, im nächsten Jahr nicht mehr einziger Handbiker im Feld zu sein.

Generell dürfte es die ein oder andere sportliche Veranstaltung mehr in erreichbarer Nähe sein. „Ich hätte schon die Möglichkeit, jedes Wochenende national und international zu starten. Aber es gibt schließlich neben dem Sport auch noch anderes. Meine Nummer eins ist die Familie.“ Seine Frau und seine Tochter sind für ihn der wichtigste Halt. Und auch bei den „Radgiganten“ spielt das freundschaftliche Verhältnis untereinander eine zentrale Rolle. Am 29. Juni wird die Truppe wieder „on Tour“ sein. Dann geht’s zum 26. Schweriner Schlosstriathlon, wo erstmals eine Radtourenfahrt ins Programm aufgenommen wurde. Über die 67,5 km will es auch Michael Bahr ordentlich rollen lassen.

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