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Ludwigsluster Tageblatt

26. September 2017 | 11:21 Uhr

Neustadt-Glewe : Mit 73 aus allen Wolken fallen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der dienstälteste Fallschirmspringer des Landes absolviert heute über Neustadt-Glewe seinen Jubiläumssprung.

Sechs bis sieben Minuten, davon eine im freien Fall, wird Peter Garbe brauchen, wenn er heute aus 4000 Metern Höhe per Fallschirm den Landeplatz ansteuert. Dieser Sprung ist für den 73-Jährigen vom Fallschirmsportclub Mecklenburg etwas ganz Besonderes: In Neustadt-Glewe absolviert er seinen Jubiläumssprung.

„Aus allen Wolken fallen muss ich bei meinem Jubiläumssprung ja nicht unbedingt. Ich würde mich viel mehr über einen schönen Blick auf meinen Heimatflugplatz freuen“, sagt Peter Garbe. Heute jährt sich der Beginn seiner Fallschirmsprungaktivitäten zum 55. Mal.


Mit russischen Schirmen bei der Armee gestartet


Angefangen hatte diese einmalige Sprungkarriere – wie hätte es seinerzeit anders sein können – bei der NVA. 1958 ging Peter Garbe zur Armee. Am 24. Mai 1959 absolvierte er in Bronkow bei Cottbus seinen ersten Sprung. „Der Weg zur Armee war damals ein Muss für einen Abiturienten, der auch studieren wollte“, erinnert sich der spätere Geologe. Und er schmunzelt mit Blick auf die Ausstattung, die vor Jahrzehnten Standard war: „Die russischen Paraschut-Dessjantnui-Modelle vom Typ PD-47 hatten noch viereckige Kappen. Es waren Schülerschirme, riesige Teile. Bei kleingewachsenen Leuten reichte der Verpackungssack vom Knie bis zu den Ohren.“ 25 Kilogramm wog das alte Equipment. Mit der Aufzugleine hätte man auch eine Kuh anbinden können, sagt der Fallschirmpionier und lacht. „Das ist überhaupt kein Vergleich zu den runden Schirmen mit Schlitzen, die sich viel besser steuern und bremsen ließen.“

Vier Sprünge waren während der Armeezeit möglich, weitere folgten dann ab 1960 bei der GST in Rostock. Nach Lust und Laune aus den Wolken zu fallen, war aber auch hier nicht drin. „Es gab ja nur eine Maschine, die uns in die Luft brachte. Die war wie ein Wanderzirkus durch die ganze DDR unterwegs. Flugsperren und schlechtes Wetter trugen ebenfalls dazu bei, dass 50 Sprünge pro Jahr schon rekordverdächtig erschienen.“


Als Lehrer Besitzer einer eigenen Ausrüstung


Doch auch aus Rostock musste sich Peter Garbe – zumindest mit Blick auf die Springerei – alsbald verabschieden. Nach dem Mauerbau wurden die grenznahen Plätze allesamt geschlossen. In Neustadt-Glewe entstand das neue Domizil für die Himmelsstürmer. Und zwar für alle aus den ehemaligen drei Nordbezirken. Hier gab der nun schon erfahrene Springer sein Know-how als Lehrer an jüngere weiter. Damals hatte Peter Garbe bereits einen eigenen Schirm – ein Privileg als Lehrer, das dazu beitrug, bis Mitte der 70er Jahre dann 540 Mal springen zu können.

Das Aus für den ambitionierten Fallschirmsportler kam nicht überraschend. „1975 wurde ich das erste Mal ,aussortiert‘. Ein Jahr später war endgültig Schluss für mich, weil meine Mutter in den Westen gegangen war.“ Peter Garbes Ehefrau war jedoch froh, als die Springerei zu Ende war. „Ich hatte ihr einiges zugemutet, war viel beruflich unterwegs und an den Wochenenden natürlich immer auf dem Platz“, räumt der heute 73-Jährige ein. Ganze 14 Jahre gingen ins Land, dann packte es den leidenschaftlichen Springer wieder. „Der vertraute Motorenlärm in der Antonov, der Spritgeruch in der Nase – das war wie früher. Als ich draußen war, wusste ich genau, was ich tun musste“, erinnert er sich.


Glimpflicher Zwischenfall beim „Comeback“


Mit einem Gleiter, einem Schülerflächenschirm, sollte er sicher den Boden erreichen. „Doch das Ding ging nicht ganz auf. Ich musste ihn abwerfen und die Rundkappenreserve ziehen. Ich dachte nur: O je, was soll das werden bei meinem Gewicht.‘“ Aber der gefürchtete „Einschlag wie bei einer V1“ blieb aus. Geschickt abgerollt beendete Peter Garbe sein Comeback, kaufte sich eine eigene Ausrüstung und begann so richtig mit dem, was für ihn einfach ein tolles Hobby ist. „Inzwischen bringe ich die besten Voraussetzungen mit: Ich bin alt, unbeholfen, übergewichtig und wenig ambitioniert“, scherzt der überaus aktive Seniort. Regelmäßig dreht er im Laufschritt seine Runden, um fit zu bleiben. Ein gesundheitsorientiertes Krafttraining verhilft zum unbedingt notwendigen Bewegungsgefühl.


Mittlerweile über 900 Einträge im Buch


Sein Sprungbuch – es ist immer noch das erste – weist mittlerweile mehr als 900 Sprünge aus. Und auch weiter will Peter Garbe mitnehmen, was geht. „Solange die Knochen mitmachen und mich hier im Verein keiner rausschmeißt, will ich es immer wieder wagen.“ Dass er selbst noch die Tausend vollmacht und damit zum „Skygod“ wird, will Peter Garbe nicht ausschließen. Weil es einfach einen Heidenspaß macht, aus allen Wolken zu fallen…




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