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Ludwigsluster Tageblatt

23. August 2017 | 16:08 Uhr

Ludwigslust : Mit 47 zurück in den Hörsaal

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Hortleiterin Annette Hüsing studiert berufsbegleitend / Sie will ihr neues Wissen über frühkindliche Bildung für Arbeitsalltag nutzen

„Muss ich das an diese Seite legen?“ Mit einem grünen Plättchen in der Hand schaut Jennifer fragend zu Annette Hüsing. In heller Jeans und rot-karierter Bluse sitzt die Hortleiterin der Ludwigsluster Edith-Stein-Schule zwischen den Kindern und schaut schweigend zu. Jetzt sagt sie doch etwas: „Wo schreibst du denn sonst die Einer?“, fragt sie aufmunternd. Und da fällt bei Jennifer der Groschen. „Ach so“, sagt das Mädchen und legt das grüne rechts neben die blauen Plättchen. Annette Hüsing ist wieder stille Beobachterin und jederzeit ansprechbereit für die Mädchen und Jungen. Gestern mussten Jennifer, Jonas, Lilly und die anderen Schüler der Lerngruppe 123.3 aber auf ihre Erzieherin verzichten. Sie drückte selbst die Schulbank und war dafür bis nach Neubrandenburg gefahren.

Dass sie eines Tages wieder mit Kindern arbeiten würde, war für Annette Hüsing vor zehn Jahren noch nicht abzusehen. Damals hatte sie noch eine Fahrschule in Neustadt-Glewe. „Ich hatte seinerzeit zwar schon länger den Wunsch, beruflich wieder mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, aber mit der Fahrschule hatte man sich ja auch etwas aufgebaut“, beschreibt die studierte Ingenieur-Pädagogin ihr anfängliches Zögern. Aber dann tat sie es doch. Sie begann, ihren Abschluss als „Staatlich anerkannter Erzieher“ zu machen, und hatte eigentlich vor, wieder in ein Heim zu gehen. So wie zu Beginn ihres Arbeitslebens. Doch für ein Praktikum kam sie an die Edith-Stein-Schule – und blieb.

„Ich war vom Schulalltag hier so begeistert, von den heterogenen Lerngruppen, von der echten Beteiligung der Kinder an Entscheidungen“, begründet sie ihr Umdenken. Seit rund sechs Jahren arbeitet sie nun an der Schule in Trägerschaft der katholischen Berno-Stiftung, seit 2010 ist sie Hortleiterin. Und obwohl sie mit dem Montessori-Diplom noch einen weiteren Abschluss besaß, hatte sie vom Lernen noch immer nicht genug. Und so begann Annette Hüsing vor zwei Jahren auch noch ein Bachelor-Studium in „Early Education“ an der Hochschule Neubrandenburg. „Ich hatte bewusst nach einem Angebot gesucht, bei dem die frühkindliche Entwicklung eine Rolle spielt. Im Alter von 0 bis 3 passiert in Bezug auf die psychische Entwicklung so vieles, das spätere Verhaltensweisen erklären kann“, sagt Annette Hüsing, die einen Sohn hat, der bereits studiert. „Dadurch kann ich beispielsweise auch Eltern beraten, die eher mich ansprechen, weil wir uns gut kennen, als dass sie sich anderswo Hilfe holen.“

Auf Neubrandenburg sei ihre Wahl wegen der Praxisnähe gefallen, obwohl der Weg nach Hamburg viel kürzer gewesen wäre. „Dort wird viel Wert auf den Erfahrungsaustausch zwischen den Studenten gelegt.“ Und den schätzt auch die Neustädterin besonders. Die Studiengruppe sei eine bunte Mischung aus erfahrenen Erzieherinnen und Neulingen, aus jungen und älteren Leuten. Und Annette Hüsing ist mit ihren 47 Jahren nicht die älteste Kommilitonin. Eine andere Studentin sei schon über 50. Komisch angeguckt werden die reifen Studentinnen nicht. „Jeder wird mit seinen Erfahrungen wertgeschätzt, und die Professoren geben uns Anerkennung und Bestätigung“, sagt die Hortleiterin, die das neue Wissen nicht nur in ihrem Arbeitsalltag nutzt, sondern auch an die Praktikanten der Edith-Stein-Schule weitergibt, die sie betreut.

Ein Spaziergang ist das berufsbegleitende Studium nicht. Einmal pro Monat fährt Annette Hüsing für ein Wochenende – Freitag und Sonnabend – an die Neubrandenburger Hochschule. Vorlesungen und Seminare stehen dann an. In den Wochen dazwischen müsse sie viel lesen, Hausarbeiten schreiben und ähnliches. Und jeden Mittwoch – nach Feierabend – trifft sie sich mit ihrem Studienzirkel. Allerdings virtuell. Weil die Studentinnen auch aus Berlin und Thüringen stammen, unterhalten sie sich über Skype, diskutieren über Studienschwerpunkte und schreiben dazu Protokoll. Einmal im Semester ist die Neustädterin eine ganze Woche lang als Studentin in Neubrandenburg. „Ich habe sehr viel Glück, dass mein Arbeitgeber und das tolle Team meiner Schule diese Fortbildung unterstützen. Sonst würde das nicht funktionieren“, so die Erzieherin, die 2015 ihren Bachelor of Arts haben will. Bis dahin muss sie auch noch die eine oder andere Prüfung bestehen. „Angst habe ich davor nicht. Vielleicht liegt es am Alter oder aber daran, dass ich in meinem Leben schon so viele Prüfungen absolviert habe.“

Annette Hüsing hat auch schon andere Erzieherinnen für das Studium „Early Education“ begeistert. Am 15. Januar ist in Neubrandenburg der nächste Bewerbungsschluss.

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erstellt am 10.Jan.2014 | 18:58 Uhr

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