Ludwigslust : „Meine Heimat hat mich verlassen“

Dieter Schumann und Michael Kockot saßen in der Diskussionsrunde nach dem Film mit Moderator Thomas Naedler, Kerstin Finger von der Awo, Dr. Diana Richert von BBS Start, dem stellvertretenden Landrat Günter Matschoß und Moha zusammen.
Dieter Schumann und Michael Kockot saßen in der Diskussionsrunde nach dem Film mit Moderator Thomas Naedler, Kerstin Finger von der Awo, Dr. Diana Richert von BBS Start, dem stellvertretenden Landrat Günter Matschoß und Moha zusammen.

Das Luna Filmtheater zeigte den Dokumentarfilm „Notsituation – Wenn Fremde näher kommen“. Dokumentarfilmer hatten die Ankunft von Flüchtlingen in einer Notunterkunft in Zahrensdorf begleitet.

svz.de von
28. März 2016, 16:00 Uhr

„Wie in jedem guten Film muss man vorab nicht viel sagen, aber danach“, scherzt Moderator Thomas Naedler, bevor der Dokumentarfilm „Notsituation – Wenn Fremde näher kommen“ gezeigt wird. Filmemacher Dieter Schumann und Kameramann Michael Kockot haben ihn in nur drei Wochen gedreht. Der Saal des Luna Filmtheaters ist voll an diesem Abend. In den ersten zwei Reihen sitzen junge Flüchtlinge. Glockenähnliche Töne erklingen, das Licht geht aus, der rote Vorhang schwingt zur Seite. Film ab.

Es sind Szenen aus Zahrensdorf. Im vergangenen November kommen über Nacht 56 Flüchtlinge in dem kleinen Ort bei Boizenburg an. Sie werden in der Turnhalle untergebracht. Liegen, nur eine Armlänge voneinander entfernt, stehen im Raum. Keiner weiß, wie er mit der Situation umgehen soll. Es sei ja nur vorübergehend, eine Notunterkunft, da in Horst das Flüchtlingsaufnahmezentrum überfüllt sei, erklärt Bürgermeister-Vize Frank Ahlers und stellt fest: „Es ist nicht viel Zeit zu langem Nachdenken. Einfach machen. Wir wissen ja alle noch nicht so richtig, wie es nun weitergeht. Das ist für uns auch Neuland.“

Es folgen Sequenzen, die zeigen, wie aus ihrer Heimat vor Krieg, Terror und Unmenschlichkeit geflohene Männer, Frauen und Kinder müde auf ihre Klappbetten sinken. Einfach nur dankbar sind für ein Dach über dem Kopf und warmes Essen. Beeindruckende Aussagen von Flüchtlingen und Einheimischen unterstreichen die ungewohnte Lage. So auch die eines ukrainischen Familienvaters, der mit seinen Kindern und seiner Frau fliehen musste, um nicht als Soldat eingezogen zu werden: „Die Menschen dort gehen schrecklich miteinander um. Wie Tiere! Ich habe nicht meine Heimat verlassen, meine Heimat hat mich verlassen“, stellt er mit trauriger Stimme fest.
Die Zuschauer erahnen innerhalb einer dreiviertel Stunde, warum man als Heimatloser eine bessere Zukunft sucht und welche Probleme durch Unterbringung, Verpflegung und Integration auftauchen. „Wir wollten uns nicht nur auf syrische Flüchtlinge konzentrieren, sondern haben auch ukrainische, tschetschenische sowie afghanische Familien zu Wort kommen lassen. Denn wo hört Not auf? Mit Sicherheit nicht an Landesgrenzen“, so Dieter Schumann am Ende des Films. „Wir sind froh, dass wir diese extremen und außerordentlichen Situationen festhalten durften. In der Nacht, als die Flüchtlinge ankamen, ermunterte Landrat Rolf Christiansen uns, diese Erlebnisse aufzunehmen. Das seien schließlich historische Momente“, erinnert sich Schumann. Kockot habe am Anfang einfach drauflosgefilmt, ohne Drehgenehmigung, die sie später noch eingeholt hätten. „Das war ein großes Risiko für uns, aber wir mussten als Dokumentarfilmer reagieren. Das konnten wir nicht so an uns vorbeigehen lassen“, sagt Schumann. Und Michael Kockot erklärt in der anschließenden Diskussionsrunde: „Ich habe beim Dreh durch meine Kamera eher eine gewisse Distanz zu den Ereignissen, aber jetzt, wo ich den Film sehe, berühren mich einige Sequenzen umso mehr.“ Der Idee, einen weiteren Teil zu drehen, seien beide Filmemacher nicht abgeneigt.

Zu Wort kommen auch einige minderjährige Flüchtlinge, die im Publikum sitzen. Sie seien dankbar für die Akzeptanz und Hilfe, die sie erleben. Moha, ein Mann, der aus Damaskus geflohen war, findet es richtig, dass der Film gedreht wurde. Vom Publikum zu seiner Zukunft befragt, sagt er: „Ich will richtig Deutsch lernen und dann vielleicht Journalistik studieren. Aber ich würde mich auch freuen, wenn ich in absehbarer Zeit wieder in meine Heimat zurückkehren könnte. Damaskus ist und bleibt mein Zuhause.“

 
Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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