Ludwigslust-Parchim : Luftschlag gegen den Eichenschädling

Der Hubschrauber mit seinen breiten Sprüharmen im Landeanflug. Eine Ladung reicht für rund vier Kilometer Allee.
1 von 3
Der Hubschrauber mit seinen breiten Sprüharmen im Landeanflug. Eine Ladung reicht für rund vier Kilometer Allee.

Dem Eichenprozessionsspinner ging es gestern an den Kragen: Ein Hubschrauber besprühte Bäume im Bereich Ludwigslust mit dem Biozid "Karate". Bis Mittwoch wird er immer wieder aufsteigen.

von
06. Mai 2013, 07:45 Uhr

Ludwigslust | "Ich bin jetzt in der Nähe der B 5 südlich von Grabow", schnarrt es aus dem schwarzen Funkgerät in der Mitte des Tisches. "Ich kann dort nicht fliegen, die Autos fahren noch." Polizeioberkommissar Ulf Znoyek von der Polizeiinspektion Ludwigslust greift zu seinem Apparat. Doch bevor er seine Kollegen, die die Straßen absperren sollten, erreicht, meldet sich das Funkgerät wieder: "Ah, jetzt fangen sie an", kommt von der Hubschrauber-Besatzung die knappe Entwarnung. Dann fliegt der Helikopter in einem Abstand von zwei bis drei Metern über die stattlichen Kronen der Eichen hinweg und besprüht sie mit dem Biozid "Karate". In der Krone wird das Mittel verwirbelt, so dass möglichst viele Blätter benetzt werden. Abschnitt 20 ist erledigt - der Angriff aus der Luft gegen den Eichenprozessionsspinner im Landkreis Ludwigslust-Parchim aber längst noch nicht. Bis Mittwoch wird der gelb-blaue Heli der Helix Fluggesellschaft mbH aus Baden-Württemberg von verschiedenen Basisstationen aus immer wieder aufsteigen.

Der Hof der Straßenmeisterei Ludwigslust des Straßenbauamtes Schwerin ist gestern die erste Flugbasis. Riesige Landkarten mit roten, blauen und orangefarbenen Linien liegen dort auf einem Tisch. Mehrere Männer und eine Frau stehen rundherum, zeigen auf verschiedene Abschnitte, telefonieren und funken. Es sind Mitarbeiter des Landratsamtes, der Straßenmeisterei und von der Polizei, die den Flug des Hubschraubers vom Boden aus koordinieren. "Wir haben den Landkreis in neun Abschnitte unterteilt, die von je einem Landeplatz aus angeflogen werden, damit der Hubschrauber schnell den jeweiligen Arbeitsort erreicht", erklärt der Leiter der Aktion, Dr. Joachim Vietinghoff vom Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei MV (LALLF), die orangefarbenen Linien. Die roten Striche kennzeichnen die abzufliegenden Strecken. Blau sind jene Abschnitte, die kurzfristig aus dem Flugplan gestrichen wurden, weil sie mit einem anderen Mittel - Dipel ES - behandelt werden sollen.

Der Eichenprozessionsspinner breitet sich in der Region seit 2007 rasant aus. "Seit 2010 nehmen die Gesundheitsbeschwerden in der Bevölkerung dermaßen zu, dass dringender Handlungsbedarf besteht", betont Vietinghoff. Stark juckende Rötungen der Haut, schmerzhafte Augenentzündungen, Husten bis hin zu asthmatischen Beschwerden seien die Symptome, die zum Teil sogar einen Krankenhausaufenthalt nötig machen. "Im vergangenen Jahr wurden uns 110 Krankheitsfälle gemeldet", erklärt Heidrun Fligge vom kreislichen Gesundheitsamt. "Wir gehen aber von einer hohen Zahl ungemeldeter Erkrankungen aus, weil viele gar nicht zum Arzt gehen oder ihre Beschwerden nicht dieser Ursache zuordnen."

Auslöser der Beschwerden sind die Raupen des Eichenprozessionsspinners. Genau genommen deren mikroskopisch kleinen Brennhaare, die ein Nesselgift enthalten und ab dem dritten Larvenstadium ausgebildet werden. Deshalb soll es den Raupen an den Kragen gehen, bevor es soweit ist. "Das ist in unserer Region aber gar nicht so einfach, weil die Raupen dieses Stadium schon erreicht haben, bevor der Blattaustrieb erfolgt", erklärt Dr. Vietinghoff. Die Blätter sind aber nötig, damit das Bio zid daran anhaften kann.

Zum Einsatz kommen derzeit zwei unterschiedliche Mittel. "Karate" sei sehr wirksam und in der Landwirtschaft schon lange im Einsatz. Allerdings wirkt es auf Fischnährtiere toxisch - "allerdings nur in äußerst hoher Konzentration", wie der LALLF-Experte relativiert. Deshalb werde in Gewässernähe "Dipel ES" genutzt, das speziell gegen Schmetterlingsraupen wirke. Und die Menschen? Gewisse Nebenwirkungen seien bei jedem Mittel möglich. "In diesem Fall mussten wir eine Risikoabwägung vornehmen, weil vom Eichenprozessionsspinner eine konkrete Gefahr für den Menschen ausgeht", betont Dr. Vie tinghoff. Wer in der Nähe einer Eiche wohnt und noch keine Symptome hat, werde sie bekommen, ist er überzeugt. "Ziel des Einsatzes ist der Schutz der menschlichen Gesundheit und - und das ist nicht zu unterschätzen - der Schutz der Stadt Schwerin." Ist der Schädling erst dort unterwegs, kann er kaum noch effizient bekämpft werden. Die Nester vom Boden aus abzusaugen oder zu besprühen, sei bei größeren Bäumen nicht möglich und kann wegen der Vielzahl der befallenen Bäume keinen flächendeckenden Erfolg bringen. Deshalb sei auch der jetzige Hubschrauber-Einsatz alternativlos.

Bis Mittwoch sollen im Landkreis knapp 500 Kilometer Alleen außerorts abgeflogen und besprüht werden. Sie gelten als Trittleiter für den Eichenschädling, um sich weiter auszubreiten. Der Erfolg der Aktion wird erst im Juli sichtbar sein.

Ob und wann etwas in den Ortslagen passiert, in denen der Heli gewisse Schäden anrichten könnte, stand gestern Nachmittag noch nicht fest. Dort soll mit "Dipel ES" gearbeitet werden, das ein reines Fraßmittel ist und daher eine stärkere Blattentwicklung erfordert. Vor Pfingsten werde das nicht sein.

Fortsetzung der Aktion
Sofern die Witterungsbedingungen und Luftströmungen stimmen, werden zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners am Dienstag folgende Bereiche durch den Hubschrauber beflogen: der Norden des Amtes Ludwigslust-Land, das Amt Banzkow, Amt Crivitz, Parchim Umland, Amt Parchimer Umland, Amt Eldenburg-Lübz und vor aussichtlich auch die Region Hagenow. Die Flüge sollen am frühen Morgen beginnen und bis zum Einbruch der Dunkelheit andauern.

Am Mittwoch kommt der Hubschrauber vor aussichtlich außerhalb der Ortslagen in den Regionen Boizenburg und Lübtheen zum Einsatz. Kurzfristige Änderungen sind jedoch möglich.

Während der Einsätze kann es auf den Straßen zu Behinderungen kommen. Tierhalter sind aufgefordert, Nutztiere einzu stallen oder einen Sicherheitsabstand von mindestens 200 Metern zum jeweiligen Einsatzort einzuhalten, da die tief fliegenden Hubschrauber Fluchtreflexe auslösen können.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen