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Nach Orkan Xavier : „Ludwigslust? Noch nie gehört“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Für ICE-Fahrgäste endete Fahrt von Berlin nach Hamburg in der Turnhalle / „Hammer, wie viele Leute die in Bewegung gesetzt haben“

von
erstellt am 06.Okt.2017 | 19:50 Uhr

„Der 1712 ist geräumt und nur noch mit dem Lokführer besetzt.“ Zugchef Hartmut Dreßler ist mit seinem Rollkoffer in der Hand gerade vor dem Bahnhofsgebäude angekommen und informiert Thomas Schmidt vom Katastrophenschutz des Landkreises und Ulrike Müller von der Stadtverwaltung. Es ist Donnerstag, 22.53 Uhr. Rund acht Stunden zuvor war der ICE von Berlin nach Hamburg in Ludwigslust gestrandet. Sturmtief „Xavier“ und dessen Folgen hatten eine Weiterfahrt unmöglich gemacht.

„Uns war angekündigt worden, dass wir auf dem nächsten Bahnhof halten und das Unwetter abwarten sollen“, erklärt Hartmut Dreßler. „Es ist ja auch ein Doppel-ICE, der nicht in jeden Bahnhof passt.“ Und auch in Ludwigslust, wo kein regulärer Halt geplant war, war es knapp. Von den 496 Fahrgästen im Zug konnten sich gut 400 mit Taxen weiterfahren oder privat abholen lassen. So sind es nur noch rund 60 Männer, Frauen und Kinder, die evakuiert und in ihr Nachtlager – die Sporthalle in der Techentiner Straße – gebracht werden müssen. Dort haben Feuerwehren, Katastrophenschutz des Landkreises und der DRK-Betreuungszug aus Parchim alles vorbereitet.

Zu den Gestrandeten gehört auch Simon Danisch, der auf dem Weg zu seinen Großeltern nach Bremen ist. „Als ich gegen 13.40 Uhr in den Zug stieg, habe ich mir nichts Böses gedacht“, meint der 27-Jährige, als er in der Schlange steht, um sich – wie bei solchen Katastropheneinsätzen üblich – registrieren zu lassen. „Wenn man sich vorher informiert hätte, hätte man es wohl kommen sehen können.“ Aber wenigstens sei man in einem Bahnhof stehen geblieben und nicht wie viele andere auf freier Strecke, wirft Student Calisto Moreno Cardenas ein, der nach Kiel will. „Ich freue mich jetzt erst einmal auf etwas zu Essen.“ Tobias Steffen ist noch immer erstaunt, wo er gelandet ist: „Ludwigslust. Den Namen hab’ ich noch nie gehört.“

Genauso gelassen wie die drei jungen Leute nehmen sechs Männer, die gemeinsam zum Surf-Weltcup nach Sylt wollen, den unfreiwilligen Zwischenstopp. „Unsere größte Sorge bei der Abfahrt war eigentlich, dass wir den Anschlusszug in Hamburg kriegen“, meint Ingo Spitzack von Briesinsky, der sich gerade eine Portion Gulasch, zubereitet vom DRK-Betreuungszug Parchim, und Wasser geholt hat. Und Thorsten Feddersen ergänzt: „Wir haben eine Schlafmöglichkeit, Duschen und Essen. Alles ist gut.“ Die beiden Männer staunen vor allem über den Hilfseinsatz. „Was für eine Maschinerie, wie viele Leute hier in Bewegung gesetzt wurden – das ist der Hammer“, so Ingo Spitzack von Briesinsky, dem als aktivem Handballer auch die Sporthalle sehr gut gefällt.

Als Letzter kommt auch Hartmut Dreßler in der Halle an. Er hätte wohl nach Hause fahren oder ins Hotel gehen können. „Ich lasse meine Leute doch nicht allein“, hatte er aber schon am Bahnhof gesagt.

Am Morgen kommen zwei Busse, um die Gestrandeten abzuholen. Die Hälfte fährt nach Hamburg, die andere Hälfte zurück nach Berlin. „Kurz nach 9 Uhr waren alle Fahrgäste wieder weg“, so der stellvertretende Bürgermeister Jürgen Rades.

 

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