Ludwigslust : „Jetzt wird erst einmal relaxt“

Auf in einen neuen Lebensabschnitt: Bis gestern trug Uwe Köhnke Kamera, Diktiergerät und Notizblock auf seinem Rücken. Von nun an wird ihn der Rucksack auf Fahrradtouren begleiten.
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Auf in einen neuen Lebensabschnitt: Bis gestern trug Uwe Köhnke Kamera, Diktiergerät und Notizblock auf seinem Rücken. Von nun an wird ihn der Rucksack auf Fahrradtouren begleiten.

Die etwas anderen Fragen zum Wochenende beantwortet Uwe Köhnke / SVZ-Redakteur geht nach 37 Jahren in den Ruhestand

svz.de von
27. Mai 2017, 07:00 Uhr

Noch 58..., noch 34..., noch 13... Seit drei Monaten beginnt jeder seiner Arbeitstage mit einer Zahl. Die App „Arbeitsfrust Rentenlust“ auf seinem Smartphone zählte für Uwe Köhnke den Countdown bis zur Rente. Gestern leuchtete auf seinem Handy-Display die „1“. Ein letztes Mal.

Fast 37 Jahre hat der 62-Jährige als Redakteur für die SVZ gearbeitet. Erst in Parchim, später in Lübz, die letzten 21 Jahre in Ludwigslust. „Dein halbes Leben warst du für die SVZ da“, sagte gestern der stellvertretende Chefredakteur Stefan Koslik beim offiziellen Abschied in der Ludwigsluster Redaktion. Der Chef überraschte den Lokalredakteur mit einer Episode aus der Studienzeit: Uwe Köhnke hatte dort im Russischseminar auf die Kritik eines Lehrers zu seiner schlechten Aussprache die wohl coolste Ausrede parat: „Aber Herr Lehrer, das ist doch Omsker Dialekt.“ Seinen gelassenen Humor hat sich Uwe Köhnke bis heute bewahrt. Oft hörten die Kollegen ihn schon morgens unten bei den Damen der Geschäftsstelle laut lachen bevor er die Treppen hoch zur Redaktion stieg. Gestern nun war Schluss. Kollegin Katharina Hennes nutzte den Moment, ihm an seinem letzten Arbeitstag ausnahmsweise etwas andere SVZ-Fragen zum Wochenende zu stellen.

Mit welchem Gefühl steht man auf, wenn man weiß, es geht heute den allerletzten Tag zur Arbeit?

Mit einem sehr komischen. Ich bin richtig zwiegespalten. Zur einen Hälfte bin ich voller Vorfreude auf die neue freie Zeit. Zur anderen Hälfte voller Wehmut. Es wird sicher eine große Umstellung.

Fast vierzig Jahre warst du als Redakteur kreuz und quer im Landkreis unterwegs. Gibt es eine Region, die du besonders schätzt?

Die Elbregion. Noch heute beschleicht mich ein seltsames Gefühl, wenn ich an der Elbe bin. Ich bin ein DDR-Kind. Da ist die Fahrt auf der Brücke über den einstigen Grenzfluss immer noch bewegend. Die Grenzen in meinem Kopf sind längst überwunden. Aber mein Gefühl, durch und durch Mecklenburger zu sein, bleibt.

Wie hat sich deine Arbeit bei der Zeitung in all den Jahren verändert?

Der größte Umbruch war die Wendezeit. Wir haben uns gefühlt, wie eine Herde Pferde, die von der Koppel gelassen wurde. Plötzlich hatte man die Freiheit, alles zu schreiben. Wir mussten lernen, damit umzugehen, fair zu bleiben und uns an Regeln zu halten. Das ist mir nicht immer gelungen.

Stimmt es, dass ihr eure Artikel anfangs immer mit der Hand geschrieben habt?

Ja. Anfang der Achtziger habe ich die Texte per Hand geschrieben, die danach von der Sekretärin erfasst wurden. Der Chef hat Zeilen gezählt und Seiten gespiegelt. Mit der Bahnpost wurden dann Fotos und Texte nach Schwerin gebracht. Das dauerte natürlich. So haben wir praktisch am Montag die Zeitung für Mittwoch produziert. Ab Mitte der Achtziger wurden die Texte per Lochband übertragen.

Unser Beruf lebt ja von vielen menschlichen Begegnungen. An welche erinnerst du dich besonders gern?

Zum Beispiel die mit Michaela Gooth aus Schlonsberge, die sich mit dem Aufbau einer Wasserbüffelherde ganz allein ein neues Standbein geschaffen hatte. Auch das Engagement von Kai Hagen in Vielank und Dömitz hat mich sehr beeindruckt. Und nicht zuletzt auch Waldemar Muchow, der als Zusteller bei Wind und Wetter immer dafür sorgt, dass die Leser pünktlich die Zeitung bekommen. Wie übrigens alle anderen Zusteller auch. Kurios war mein Telefonat mit Andy Borg, der in Ludwigslust mal ein Konzert gab. Der war unglaublich locker drauf und hat erzählt, wie er früher Schneepflüge montiert hat.

Wobei in deinem Arbeitsleben ist schon mal richtig was schief gegangen?

Da fällt mir ein Foto ein, das ich von einer Pferdezüchterin und zwei Pferden (einem Hengst und seinem Sohn) gemacht habe. In der Bildunterzeile stand dann: die Pferdezüchterin mit Vater und Sohn. Das Foto hat es später noch einmal in die Zeitung geschafft. Allerdings in den Eulenspiegel...

Kein Tag verging, ohne dass du dir Süßkram vom großen Redaktionstisch geschnappt hast. Die Kollegen haben sich jetzt die Mühe gemacht und deine über die Jahre erlaufenen Kilometer zwischen Schreibtisch und Süßkramecke gezählt. Es waren ungefähr 275.

Das wird sich ändern. Ich werde gesünder leben, weniger Süßes essen, ins Fitness-Studio gehen, Kanu fahren.

Was wirst du am meisten vermissen in den kommenden Jahren?

Alle meine Ludwigsluster Kollegen. Ich denke mir wird auch die Möglichkeit fehlen, Dinge zu hinterfragen. Wir Journalisten haben ja das Privileg, nachzuhaken und den Dingen auf den Grund gehen zu können. Es hat mir immer Spaß gemacht, komplizierte Dinge einfach zu erzählen.

Was rätst du den jungen Redakteuren, die heute in den Beruf einsteigen?

Neugierig zu bleiben. Öfter mal zum Telefon zu greifen als im Internet zu surfen. Mehr persönliche Gespräche zu führen als online zu chatten. Nicht abgehoben in großen Kategorien zu denken, sondern auf Augenhöhe das Gespräch mit den Menschen auf der Straße zu suchen.

Was wirst du als Rentner machen?

Jetzt wird erst einmal relaxt. Meine Frau und ich werden viel im Garten arbeiten, mit dem Wohnmobil verreisen, uns mit Freunden treffen.

Kannst du von einem Tag zum anderen mit dem Schreiben aufhören?

Ich glaube nicht. Das eine oder andere Angebot für journalistische Zuarbeiten gibt es schon. Mal sehen.

Wem sollten wir diese Fragen als nächstes stellen?

Dem Kollegen Michael Seifert. Er könnte aus unserer Runde der nächste sein, der in Rente geht. Aber ein paar Jährchen muss er noch durchhalten.

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