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Ludwigsluster Tageblatt

23. November 2017 | 21:45 Uhr

Wöbbelin : „Jetzt habe ich Gewissheit“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Marion Jager van Viersen aus Holland besuchte erstmals Grabstätte ihres Großvaters, der 1945 im KZ Wöbbelin starb.

von
erstellt am 20.Okt.2017 | 07:00 Uhr

Arbeiter schaffen umgestürzte Bäume zur Seite, tragen riesige Äste zum Häcksler. Das Geräusch einer Motorsäge zerschneidet die sonstige Stille an diesem Ort. Mittendrin eine Frau, die Blätter und kleinere Zweige von Namenssteinen wischt. Plötzlich ein unterdrückter Aufschrei: Die Frau hat den Stein entdeckt, den sie gesucht hat. Darauf zu lesen ist der Name ihres Großvaters.

Die Gedenkstätte des ehemaligen Lagergeländes des KZ Wöbbelin an der L 072. Gestern Morgen begannen Mitarbeiter der Kreisstraßenmeisterei mit der Beseitigung der Schäden, die der schwere Sturm vor zwei Wochen angerichtet hatte. Rund 20 Bäume waren auf dem Gedenkplatz umgestürzt (SVZ berichtete). Ramona Ramsenthaler, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin: „Offenbar gibt es keine ganz großen Schäden. Mehrere Namens- und Klinkersteine sind allerdings beschädigt.“ Bereits gestern Nachmittag war der Gedenkplatz mit Stele und Namenssteinen von umgestürzten Bäumen geräumt. „Wir möchten den Mitarbeitern der Kreisstraßenmeisterei dafür herzlich danken“, so Ramona Ramsenthaler. Weiter gesperrt bleibt der Rundweg.

Zurück zu der eingangs erwähnten Frau: Marion Jager van Viersen. Die Niederländerin hatte in einer Zeitschrift über das Schicksal holländischer Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung während des Krieges gelesen. Darin ging es auch um die Rede von Lieke van Amstel-Herman am 1. Mai 2016 anlässlich der Befreiung des KZ Wöbbelin. Deren Großvater Bastiaan Herman war Anfang Februar 1945 zusammen mit weiteren Häftlingen aus Holland zunächst in das KZ Neuengamme und dann am 15. Februar in das Außenlager Wöbbelin gebracht worden, wo er starb.

Auch Marion Jager van Viersens Opa wurde Anfang Februar 1945 erst in das KZ Neuengamme und später in das Außenlager Wöbbelin transportiert, wo er im März 1945 starb. „Aber erst durch den Artikel in der Zeitschrift erfuhr ich, dass es in Wöbbelin die Mahn- und Gedenkstätten mit einem Bestattungsplatz gibt und hier jährlich der Befreiung des Lagers gedacht wird. Damit hatte ich erstmals einen Hinweis, wo mein Opa vielleicht begraben sein könnte“, so Marion Jager van Viersen.

Sie setzte sich daraufhin mit Lieke van Amstel-Herman in Verbindung, deren Großvater offensichtlich mit dem gleichen Transport nach Neuengamme gebracht worden war, wie van Viersens Opa Franciscus Cornelius Henri.

Der hatte noch am 2. Februar 1945 einen Brief an seine Frau und Kinder geschrieben, in dem er mitteilte, dass er schon bald nach Deutschland abtransportiert werde, aber nicht wisse, wohin. Sie und die Kinder sollen nicht die Hoffnung verlieren, schrieb er. Marion Jager van Viersen: „Es war das letzte Lebenszeichen meines Opas.“

Franciscus Cornelius Henri (1890-1945) war beim deutschen Überfall auf das neutrale Holland am 10. Mai 1940 Offizier der niederländischen Armee, leistete mit seinen Soldaten Widerstand und sprengte eine Brücke mit einem deutschen Panzerzug, bevor sie sich vor der Übermacht zurückziehen mussten. Später arbeitete er im Widerstand, wurde dann durch Verrat verhaftet. All die Jahre wusste die Familie nicht, wo der Ehemann, Vater und Großvater seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Bis seine Enkelin Marion auf besagten Zeitschriftenartikel stieß.

„Dank Lieke van Amstel-Hermans konnte ich Kontakt zu Ramona Ramsenthaler (Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten – d. Red.) herstellen und erfuhr so, dass mein Opa auf dem Bestattungsplatz der Mahn- und Gedenkstätten seine letzte Ruhestätte gefunden hat.“

Am Mittwoch nun stand die Enkelin erstmals am Grab ihres Großvaters in Wöbbelin. „Es ist beruhigend, endlich zu wissen, wo mein Opa beerdigt wurde“, sagte sie gestern. „Und es ist schön zu wissen, dass meines Großvaters und seiner Kameraden auch durch die Namenssteine hier in der Gedenkstätte des ehemaligen Lagergeländes Wöbbelin gedacht wird.“

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