Suchtkrank : Ihr Traum: Zurück ins Leben

Elvira Ramakers und Daniel Röwer (r.) wollen ein drogenfreies Leben führen. Stefan Fokuhl, der WALG-Einrichtungsleiter (l.), kann ihnen dabei helfen.
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Elvira Ramakers und Daniel Röwer (r.) wollen ein drogenfreies Leben führen. Stefan Fokuhl, der WALG-Einrichtungsleiter (l.), kann ihnen dabei helfen.

Elvira Ramakers und Daniel Röwer hoffen, nicht wieder von den Dämonen ihrer Sucht heimgesucht zu werden

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29. März 2016, 12:00 Uhr

Das vergangene Osterfest steht nicht nur im christlichen Glauben für Auferstehung und Neuanfang, sondern ist auch für zwei Bewohner der Wohn-, Arbeits- und LebensGemeinschaft, kurz WALG, mit ganz viel Hoffnung verbunden. Denn sie hoffen inständig, nicht wieder von den Dämonen ihrer Sucht heimgesucht zu werden.

Ins sprichwörtlich schwarze Loch abgestürzt ist Elvira Ramakers nach dem Tod ihres Mannes. „Mit dem plötzlichen Alleinsein bin ich überhaupt nicht mehr klargekommen. Ich habe mich nur noch volllaufen lassen. Haus, Hof und Viehzeug waren mir egal“, erinnert sich die heute 63-Jährige an ihre schlimmsten Tage. Und an eine unrühmliche Trinkerkarriere, die bereits mit 16 Jahren ihren verhängnisvollen Anfang nahm.


Trinkerkarriere begann bereits mit 16 Jahren


„Meine Eltern waren beide Trinker. Mein Mann konnte die Finger auch nicht vom Alkohol lassen. Also haben wir beide getrunken. Und zwar solange, bis wir gemeinsam abstürzten“, berichtet die ehemalige Altenpflegerin, deren Wiege einst in Recklinghausen in Nordrhein-Westfalen stand. Es habe nicht lange gedauert, bis sie und ihr Mann die Arbeit verloren hätten.

Denn das gehört leider mit dazu, wenn man sich auf den Geist aus der Flasche einlässt. Nach und nach nimmt der Alkohol dem Betroffenen alles, was ihm in lichten Momenten lieb und teuer ist. Würde, Arbeit, Freunde, Familie und Gesundheit. Die damit einhergehende Einsamkeit und Frustration wird im Keim ersäuft. „Schnaps und Bier habe ich mir in Unmengen reingekippt. Um mich zu betäuben und die Sucht zu verdrängen. Darauf bin ich nicht besonders stolz“, sagt die kleine Frau mit dem verhärmten Gesicht. Doch sie steht zu ihrer Vergangenheit, zum Teufel Alkohol, der sie jahrzehntelang regiert habe. Gefangen in einem kleinen traurigen Kreis von Saufkumpanen, ohne Perspektive. Seit 2009 lebt sie in der sozialtherapeutischen Einrichtung der Caritas in Zühr. Begann ihre Abstinenz im Übergangs- und Wohnheim „Sankt Josef“, so wohnt Elvira Ramakers nun seit drei Jahren in einer Außenwohnung. „Ich bin auf der Suche nach einer eigenen Bleibe, am liebsten im Zentrum von Hagenow.“ Dass jemand mit Fingern auf sie zeigen könnte, davor habe sie keine Angst, gesteht Elvira Ramakers. „Der sollte erstmal bei sich selbst anfangen“, sagt sie selbstbewusst. Und einmal die Woche wolle und werde sie zum Sport gehen, kündigt sie an. „Ich bin stolz darauf, seit etwa sieben Jahren trocken zu sein. Ich werde alles versuchen, dass das so bleibt.“


Hasch, Koks und alles andere, was betäubt


Einer, der ihr bei diesen Worten aufmerksam zuhört, ist Daniel Röwer. Zwar ist nicht der Alkohol sein größter Feind, dafür aber Koks, Hasch und alles andere, was die Flucht aus der Wirklichkeit begünstigt. „Ich habe über 20 Jahre lang Drogen genommen“, verrät der gebürtige Rostocker. Als er binnen kürzester Zeit zwei seiner besten Kumpels verloren und niemanden mehr zum Quatschen und Zuhören gehabt habe, sei er im Vollrausch aus dem dritten Stock gesprungen. „Ich wollte einfach Schluss machen“, erinnert sich der 41-Jährige und streicht sich nervös über die Arme, wo viele Tattoos einen Teil seiner Lebensgeschichte widerspiegeln. Schienenbein, Nase und Hüfte gebrochen, der Brustkorb gequetscht; so finden ihn Passanten auf der Straße. „Das war schon mein zweiter Selbstmordversuch“, erzählt der junge Mann. Beim ersten Mal habe er alles an Tabletten geschluckt, was ihm unter die Finger gekommen sei. „Aber es war wohl noch zu wenig“, schätzt der Hilfsmaurer mit einem unsicheren Grinsen ein. Dieser Weg, sich klammheimlich aus dem Staub zu machen, habe ihm vier Wochen Psychiatrie auf „der Geschlossenen“ eingebracht, sagt Daniel. Die Zeit habe er genutzt, um über sich und sein Leben nachzudenken, das für ihn in einer gewalttätigen Familie begonnen habe. Mit 14 Jahren sei er als Jugendlicher im Kinderheim gelandet. Zu seinen Eltern und den Geschwistern habe er keinen Kontakt mehr. „Mein Vater hat mich oft verdroschen. Meine Mutter verpasste mir auch regelmäßig Schläge. Ich war der Sündenbock für alle“, erinnert sich Daniel. Und versucht ein Grinsen, das darüber hinwegtäuschen soll, wie tief ihn die Gewalt immer wieder verletzt hat. Vielleicht ist er deshalb auch so ein kräftiger Kerl geworden, um sich mit dem Körper als lebender Panzer vor Erniedrigung und Ablehnung zu schützen.

Seit April des letzten Jahres lebt Daniel in Zühr, ist seitdem, wie er voller Stolz verkündet, „clean“. Seit Mitte März dieses Jahres ist auch er in einer Außenwohnung untergebracht.

„Ab 1. April gehe ich arbeiten, und zwar in den Behindertenwerkstätten der Lebenshilfe in Hagenow“, betont Daniel mit Triumph in der Stimme. In fünf Jahren sieht er sich in einer eigenen Wohnung, immer noch frei von Drogen und nach wie vor mit einer Arbeit ausgestattet.

„Das Beste an Zühr ist, dass man hier nicht unter Druck gesetzt wird. Man bekommt die Zeit, die man braucht, um sein Leben wieder zu ordnen“, ergänzt Elvira Ramakers. Und Daniel nickt zustimmend.

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