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Ludwigsluster Tageblatt

18. November 2017 | 00:22 Uhr

Ludwigslust : Ihr Mut war größer als die Angst

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Morgen vor 25 Jahren öffnet Pastor Wilfried Romberg die Kirchentüren für erstes Friedensgebet in Ludwigslust - trotz massiver Drohungen

von
erstellt am 18.Okt.2014 | 07:00 Uhr

Zwei Worte fallen Wilfried Romberg ein, wenn er an den 19. Oktober 1989 zurückdenkt. Angst und Gespanntheit. „Wir wussten nicht, wie dieser Abend enden wird“, erinnert er sich. „Wir wussten nur, dass wir die Kirche öffnen werden für unser erstes Friedensgebet. Und wir hofften so, dass es friedlich ausgehen würde.“ Denn draußen auf dem Gelände der „Bama“ hatten sich Kampfgruppen versammelt. Das erfuhr Romberg kurz vor dem Gebet. Außerdem schlenderten verdächtig viele Leute vor der Kirche auf und ab. Liebespärchen, Arm in Arm. Oder Männer, die mit Hunden Gassi gingen. „Das waren Stasispitzel“, sagt Hans-Jürgen Zimmermann. „Man erkannte, dass sie sich die Kennzeichen der Autos notierten.“

Heute muss er lächeln, wenn er an die Szenen vor der Kirche denkt. Damals hatte er Angst. Er war allein in die Kirche gekommen. Seine Frau war zu Hause geblieben. „Ich bin lieber hier bei den Kindern“, hatte sie ihn verabschiedet. „Denn ich weiß nicht sicher, ob du wiederkommst.“ Zimmermann, damals 37 Jahre alt, angestellt bei der LPG Pflanzenproduktion, hatte sich zu DDR-Zeiten in der Kirchgemeinde für Frieden und Gerechtigkeit engagiert und 1988 an der Seite von Pastor Joachim Gauck den Rostocker Kirchentag vorbereitet. „Wir haben viel zu lang geschwiegen, wo wir hätten reden müssen“, notiert er an diesem Abend in Ludwigslust vor dem Gebet in ein kleines Büchlein, das in die Hosentasche passte. Das Buch hat er heute noch. Zwei Seiten sind darin für seine Ansprache in der Kirche beschrieben. „Ich wollte den Abend kurz anmoderieren“, erzählt Zimmermann. „Aber reden sollten die Besucher. Die Kirche gab ihnen Raum, endlich das offen zu sagen, was sie jahrelang mit sich herumschleppten.“ Doch das Publikum zögert. „Die Stasi war auch im Raum. Das blieb niemandem verborgen“, sagt Zimmermann. „Einer stand sehr auffällig oben auf der Essenstheke, den ganzen Saal im Blick.“ Dann wagt es doch eine Lehrerin aus Eldena aufzustehen und offen zu reden. „Es war wie ein Ventil“, sagt Zimmermann. „Nach ihr meldeten sich immer mehr zu Wort.“ Eineinhalb Stunden später gehen die Menschen so schnell auseinander wie sie zusammengefunden hatten. Pastor Romberg hatte sie aufgefordert, allein oder zu zweit durch die Stadt zu gehen. Der Rat des Kreises hatte dem Stiftsprobst Gustav Adolph Günther am Tag zuvor unmissverständlich gedroht: „Wenn es zu Menschenansammlungen in der Öffentlichkeit kommt, greifen wir ein.“ Günther hatte sich am 15. Oktober in einem Brief sorgenvoll an Kurt Draheim, dem Vorsitzenden des Rates des Kreises gewandt. „Ich hoffe, dass keinem, der offen seine Meinung sagt, der Stempel Staatsfeind aufgedrückt wird“, schreibt er darin. Tage zuvor hatte Günther beobachtet, wie ein junger Mann mit einem Transparent „Reisefreiheit“ auf der Straße gewaltsam abgeführt wurde. „Er rief mir noch zu: Sag meinen Eltern Bescheid. Das hat mich tief getroffen.“

Viele Details aus jenen Tagen im Oktober haben Günther, Romberg und Zimmermann längst vergessen. Nur dieses Gefühl im Bauch von Angst, Hoffnung und Aufbruch, das bleibt ein Leben lang. „Es lag was in der Luft. Und es war nicht mehr aufzuhalten“, sagt Wilfried Romberg. Schon eine Woche später sollte es das nächste Friedensgebet geben. Und Tausende sollten kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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