Amerikaner zurück in Wöbbelin : „Ich werde Bilder im Kopf nie los“

Mike Freeland ist beeindruckt von den vielen Dokumenten und Zeitzeugenberichten im Museum der Mahn- und Gedenkstätten.
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Mike Freeland ist beeindruckt von den vielen Dokumenten und Zeitzeugenberichten im Museum der Mahn- und Gedenkstätten.

Nach 71 Jahren kehrt der Amerikaner Mike Freeland das erste Mal zurück nach Wöbbelin – ein Ort, den er nie vergessen wird

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17. Juni 2016, 20:51 Uhr

„Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien. Der Krieg stand kurz vor dem Ende. Alles schien perfekt.“ So beginnt der 2. Mai 1945 in Mike Freelands Erinnerungen. Der Amerikaner war gerade 21 Jahre alt, als er damals mit der 82. US-Luftlandedivision die Stadt Ludwigslust erreicht. „Ein unbedeutsamer Punkt auf unserer Landkarte“, sagt er. Aber dann, fünf Meilen weiter nördlich, stoßen die Amerikaner auf das KZ Wöbbelin. „Völlig unerwartet. Keiner wusste davon“, erzählt Mike Freeland.

Jetzt ist der 92-Jährige wieder in Ludwigslust – das erste Mal nach 71 Jahren. „Einmal zurück nach Deutschland, das war Vaters Traum“, erzählt seine Tochter Patricia Poe. Gemeinsam mit ihrem Mann Patrick und Mike Freelands Ehefrau Ellen hat sie ihrem Vater nun den Wunsch erfüllt. Die Familie ist auf ihrem ganz persönlichen „Memorial Trail“. München, Köln, Ludwigslust, Berlin – mit jeder Stadt verbindet Mike Freeland Erinnerungen an seine Zeit als Rettungssanitäter der US-Luftlandedivision im zweiten Weltkrieg. „So viel Unmenschlichkeit. So viel Leid. So viele schreckliche Bilder im Kopf. Das wird man nicht mehr los“, sagt er gestern, als er sich am Morgen auf den Weg in die Mahn- und Gedenkstätte in Wöbbelin macht. Cornelia Neumann, pädagogische Mitarbeiterin, führt die Familie durch das kleine Museum. Sie zeigt Mike Freeland alte Luftbildaufnahmen, Lagepläne, Fotografien, Berichte von Häftlingen und Befreiern. Der Amerikaner ist überrascht von den vielen Quellen, Originalaufnahmen und Videoaufzeichnungen, die das Museum der Mahn- und Gedenkstätten über die Jahre zusammengetragen hat. Als er die Filmsequenz von der Beisetzung der KZ-Häftlinge Am Bassin in Ludwigslust sieht, muss er sich setzen. „Die Menschen aus der Stadt sollten sich das damals alle angucken“, erzählt er. „Viele von ihnen schienen fassungslos. Ich hatte den Eindruck, sie wussten gar nicht, dass es das KZ gab.“

Freeland, der nach seiner Rückkehr in die USA eine Radiostation aufbaute und später als Lehrer arbeitete, hat zu Hause nie viel vom Krieg erzählt. „Erst, als die Kinder und Enkelkinder ihn danach gefragt haben“, sagt seine Frau Ellen. Vor zehn Jahren schrieb er seine Erinnerungen in dem Buch „Blood River to Berlin“ nieder und geht darin auch auf die Erlebnisse in Ludwigslust und Wöbbelin ein. „Wir waren nur ein paar Tage hier“, sagt er. „Aber das, was ich hier gesehen habe, vergesse ich nie. “

Der sonnige 2. Mai, der vor 71 Jahren für Mike Freeman scheinbar so „perfekt“ begann, sollte einer der traurigsten Tage seines Lebens werden. „Als wir durch die offenen Tore des Lagers liefen, sah ich junge Männer, so alt wie wir, ausgehungert, nackt im Dreck. Wie lebende Skelette, gerade noch stark genug, sich aufzusetzen und die Hände nach uns zu strecken. Ich sah so viele zerschundene Körper und dachte, niemand hier lebt. Und dann war da doch noch eine Bewegung, ein Blinzeln, ein Atmenzug.“

Einmal hätten ihn seine Enkel gefragt, ob er im Krieg auch Menschen getötet habe. „Nein“, hat Freeland ihnen geantwortet. „Aber ich hoffe sehr, dass ich ein paar Leben retten konnte.“

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