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Ludwigsluster Tageblatt

19. November 2017 | 04:31 Uhr

Grabow : „Ich danke für 70 Jahre Frieden“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Elisabeth Stolzenburg aus Grabow hat als Kind die beiden letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges bewusst miterlebt

von
erstellt am 09.Mai.2015 | 07:00 Uhr

„Wenn heutzutage jeden Sonnabend um 12 Uhr in Grabow durch das kurze Aufheulen der Feuerwehrsirene das Wochenende eingeleitet wird, habe ich noch immer den Kellergeruch in der Nase“, sagt Elisabeth Stolzenburg. In diesem Keller suchte sie als Kind oft Schutz vor den Bomben, die während des Zweiten Weltkrieges gefallen sind. Auch wenn dies mittlerweile 70 Jahren her ist, das, was sie als Kind bewusst erlebt und gesehen hat, prägt ihr Leben bis heute.

Die gebürtige Grabowerin wurde 1943 mit sechs Jahren eingeschult. Blond und blauäugig war sie und entsprach damit den Wünschen des Führers. Doch einen Makel hatte die kleine Schülerin: Sie war Linkshänderin. Als ihre Lehrerin ihre Schwäche erkannte, wurde sie dafür bestraft: „Ich bekam jedes Mal Schläge mit dem Rohrstock auf die linke Hand, wenn ich statt der rechten die linke zum Schreiben genutzt habe“, erinnert sie sich. Doch beim Übergang von der ersten zur zweiten Klasse wurde die Schule als Lazarett für verwundete deutsche Soldaten genutzt und der Unterricht bis zum Kriegsende eingestellt. Die Schläge mit dem Rohrstock hörten damit auf.

Grabow lag zur damaligen Zeit zudem in der Luftlinie zwischen Hamburg und Berlin. „Doch wir hatten Glück. Auf Grabow sind während des Krieges nur zwei Bomben geworfen worden. Diese sind dicht neben der Schule runtergegangen“, sagt sie.

Bis 1945 suchten zudem immer mehr Flüchtlinge Schutz in Grabow. So viele, dass sich die Einwohnerzahl verdoppelt hatte. „Ich habe so viel Leid gesehen“, sagt sie voller Betroffenheit. Doch trotz Krieg und viel Leid konnte sie auch mal nur Kind sein und mit Freunden und den Flüchtlingskindern spielen. „Wir haben uns auch gegenseitig das Schwimmen beigebracht, zum Beispiel mit um den Bauch herumgebundenen Schweineblasen, denn Schwimmwesten gab es noch nicht.“

Doch als dann die Amerikaner im Mai 1945 nach Grabow kamen und die Stadt einen Tag später den Russen überließen, flüchtete die Mutter mit den vier Kindern und dem 15-jährigen „Pflichtjahrmädel“ aus der Stadt in Richtung Dömitz. Dabei machten sie unter anderem Halt in Eldena, bevor sie im Dorf Picher bei ihrem Onkel ankamen. Picher war damals von den Amerikanern besetzt. Doch als die Russen auch in diesem Dorf zehn Wochen später Einzug hielten, ging die Familie wieder zurück nach Grabow.

Von der Großmutter und den Nachbarn erfuhren sie, welche Tragödien sich inzwischen in der sowjetischen Besatzungszone in Grabow abgespielt hatten: Plünderungen, Vergewaltigungen, Abbrennen von Häusern, aber auch einhundert Selbstmorde. „Ich bin meiner Mutter bis heute dankbar dafür, dass wir damals aus der Stadt geflohen sind und so den schlimmen Zuständen entkommen konnten“, sagt sie.

Die Grausamkeiten dieser Zeit sollten dennoch nicht in Vergessenheit geraten. Ihre Erinnerungen möchte sie vor allem auch den jungen Menschen weitergeben. „Ich glaube, ein Zeitzeuge kann die Geschichte interessant vermitteln“, so Elisabeth Stolzenburg. Zudem sei es wichtig, über die Vergangenheit Bescheid zu wissen, um so den Frieden mehr zu schätzen. „Die jungen Menschen können nicht wissen, was Krieg bedeutet. Um so wichtiger ist es ihnen zu vermitteln, wie wichtig eine Demokratie ist und was es heißt in Frieden zu leben“, sagt Elisabeth Stolzenburg und fährt fort: „Ich danke in diesem Jahr für 70 Jahre Frieden.“
 

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