Ludwigslust : „Ich bin der Tafel für jedes Stück dankbar“

Frührentnerin aus der Region gehört seit Jahren zu den Kunden der Ausgabestelle in der Seminarstraße

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07. Dezember 2013, 07:00 Uhr

Seit Jahren erwerbslos, mittlerweile mit einer kleinen Rente von 700 Euro im Monat, der Ehemann in einer großen Stadt auswärts arbeitend. Seit 30 Jahren Diabetikerin, die inzwischen nur noch eine Sehkraft von 50 Prozent hat – das ist die Situation einer fast 50-Jährigen, die in einem kleinen Dorf der Ludwigsluster Region lebt. „Ich muss froh sein, dass ich die Rente bekomme“, sagt sie, denn Hartz IV hätte sie nicht bekommen.

Mit ihrem kleinen Auto kann sie noch fahren, aber nur am Tage. Da lenkt sie den Wagen einmal in der Woche zur Ausgabestelle der Tafel in der Ludwigsluster Seminarstraße. Seit Jahren macht die Frau das schon.

Die Frührentnerin weiß, sie muss sich dafür nicht schämen. Von den Mitarbeitern wird sie menschlich behandelt. „Die Sachen, die man da bekommt, da sind etliche dabei, die von guter Qualität sind. Ich bin für jedes Stück dankbar“, sagt sie. Da kommen dann manchmal zu Hause Sachen auf den Tisch, die sich die Familie ansonsten nicht leisten könnte.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl denkt die Tafel-Kundin schon an ihren runden Geburtstag, wenn sich viele Gäste angesagt haben. Das wird kosten. Gerade ist zudem die Abwasserleitung fertig geworden. Da steht der Anschlussbeitrag in vierstelligem Bereich mit einer Acht vorne an. Man könnte das Haus verkaufen – aber so weit vom „Schuss“ bekommt man dafür nur den Bruchteil des Wertes. Der Immobilienmarkt ist ohnehin längst kein Land mehr, wo Milch und Honig fließen. Also dann doch lieber wohnen bleiben.

Die Frau erzählt aus ihrem Leben, von den besseren Zeiten, als sie noch Geld verdienen konnte. Vom Ehemann, der in der Woche ausliegen muss, weil die Fahrtkosten zu teuer wären, und für sein Zimmer auch 210 Euro im Monat berappen muss. Von den Kindern, die inzwischen groß sind, aber noch gern nach Hause kommen, vom kreativen Kochrezept, mit dem die Reste zu einem Gericht verarbeitet werden können, nah dem sich die ganze Familie die Finger leckt. Vom Hund und den hungrigen Kätzchen draußen auf dem Hof. Ein paar Mal, wenn auch selten, denn dafür ist sie nicht da, haben die Mitarbeiter der Tafel auch etwas für die Tiere mitgegeben.

Wir sitzen und erzählen in der gemütlichen Wohnstube. Es gibt frischen Kaffee und Lebkuchen. Es ist überall sauber und ordentlich, wie bei vielen anderen Familien auch. Und trotzdem sagt die Frau, ohne die Tafel hätte sie so manches Mal keinen Kuchen backen können. „Ich bin den Mitarbeitern der Tafel so dankbar und wünsche ihnen, dass es noch mehr Spender gibt, denn der Bedarf ist groß.“

Sie weiß, dass auch andere Frauen aus ihrem Dorf gern zur Tafel gehen würden, aber den Mut dazu nicht aufbringen.

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