Neustadt-Glewe : Hinter jeder Tür eine Geschichte

Hermann Eichler an seinem heimischen Arbeitstisch. Hier entstehen alle Trauerreden.
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Hermann Eichler an seinem heimischen Arbeitstisch. Hier entstehen alle Trauerreden.

Neustädter Hermann Eichler ist seit 47 Jahren als Trauerredner tätig und sorgt für würdevolle Abschiedsstunden

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26. April 2017, 21:00 Uhr

„In meinem Leben habe ich vieles gehabt, nur keine Langeweile.“ Das glaubt man dem Neustädter Hermann Eichler aufs Wort. Der Diplom-Theologe arbeitete viele Jahre als Pastor, leitete eine Abteilung im Lederwerk Neustadt-Glewe, züchtete Kaninchen und Bernhardiner, war jahrelang im Heizungs- und Sanitärhandwerk tätig und erfand eine individuelle Grabvase mit Diebstahlsicherung. Seit dem Jahr 2000 konzentriert sich der mittlerweile 69-Jährige auf das, was er gelernt hat und bereitet Verstorbenen und ihren Angehörigen eine würdevolle Abschiedsstunde.

Auf die Frage, wie viele Grabreden er in seinen 47 Jahren als Trauerredner schon gehalten habe, weiß Hermann Eichler keine genaue Antwort. „Damals gab es ja noch keine EDV. Aber es müsste mittlerweile eine ganze Kleinstadt gewesen sein.“ Seine erste Rede hielt er im August 1970, nach dem Theologie-Studium in Rostock. Von dort schickte der Bischof ihn als Pastor nach Brenz, wo er 12 Jahre lang auch für Stolpe und Blievenstorf zuständig war. Seitdem blieb Hermann Eichler der Gegend am Rande der Lewitz treu. Nicht jedoch der Kirche. „Ich bin freiwillig ausgetreten, da ich mich immer häufiger an der Ordnung gestört habe“, erklärt Eichler. Mit dem Herrgott habe er bis heute kein Problem, nur mit seinem Bodenpersonal.

Allein in diesem Jahr hat Hermann Eichler schon auf 79 Beerdigungen gesprochen. In all den Jahren hat er Reden für Bauern und Professoren, für Babys und Hundertjährige gehalten. „In jedem Jahr sind es leider auch etwa zehn bis zwölf junge Leute, die verantwortungslos mit ihrem Leben umgegangen sind“, so Eichler. Auch Freunde hat der Mann mit der tiefen, ruhigen Stimme schon beerdigt. „Das ist natürlich besonders schwer, aber es ist auch ein besonderer Freundschaftsdienst.“

Zu den Gesprächsterminen ist Hermann Eichler stets mit dem Auto unterwegs und legt dabei hunderte Kilometer im Jahr zurück. „Ich wurde sogar schon zu Beerdigungen nach Berlin, Rostock oder auf die Insel Poel bestellt“, erklärt der 69-Jährige. Werbung braucht er für seine Arbeit nicht machen. „Das finde ich auf so einem sensiblen Gebiet eh unangebracht. Viele Leute haben mich schon einmal reden gehört und sagen dann, die Beerdigung von unserer Tante soll der Eichler auch machen.“ Üblicherweise wird er aber von den etwa zwölf Bestattungsunternehmen, mit denen er zusammenarbeitet, beauftragt. „Oft habe ich nur einen Namen auf dem Auftrag und dann erwartet mich hinter jeder Tür immer ein neues Abenteuer, eine neue Geschichte“, erklärt der Trauerredner.

Für seine Gespräche plant Hermann Eichler etwa zwei Stunden Zeit ein, eine Rede schreibt er in seinem heimischen Arbeitszimmer und bei vielen Zigaretten in drei bis vier Stunden. „Das ist aber bei jedem Verstorbenen anders. Es ist wichtig, dass sich die Angehörigen öffnen können und ich sie emotional abholen kann.“ Dabei ist jeder Mensch, jedes Leben und Sterben individuell. So individuell wie die Musikwünsche der Angehörigen. „Ich bin für die Abschiedsstunde verantwortlich. Und deshalb kontrolliere ich auch immer die Liedtexte der gewünschten Musik“, so Eichler. Beliebte Fehlgriffe sind hier seit vielen Jahren „Abschied ist ein scharfes Schwert“ von Roger Whittaker und „Hallelujah“ von Leonard Cohen, in denen es um Ehebruch und Betrug geht.

In nächster Zeit will Hermann Eichler jedoch kürzer treten. „Meine Frau ist Ärztin und hat eine Praxis in Neustadt-Glewe. Wir wollen dann in ein paar Jahren gemeinsam aufhören.“ Aber die 50 Arbeitsjahre wird der Trauerredner sicher noch vollbekommen. Und so lange wird er weiterhin in Westmecklenburg unterwegs sein, Geschichten und Abenteuer von Verstorbenen hören und sie in Würde und Frieden verabschieden.

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