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Filmprojekt Wöbbelin : Hauptdarsteller aus zwei Welten

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Natan Grossmann und Jens-Jürgen Ventzki sind Protagonisten eines ungewöhnlichen Dokumentarfilms. Er ist 27. Januar im Luna-Filmtheater zu sehen

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erstellt am 16.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Natan Grossmann hat sein Leben lang versucht, die Erinnerung an seine Jugend zu verdrängen. Doch die ungeklärten Todesumstände seiner Eltern und das spurlose Verschwinden seines Bruders lassen ihm keine Ruhe.

Auch Jens-Jürgen Ventzki will seine Familiengeschichte rekonstruieren.

Für beide Männer soll ihr Unternehmen zu einer emotionalen Konfrontation mit der Vergangenheit werden.

Die Verbindung von Grossmann (Jahrgang 1927) und Ventzki (Jahrgang 1944) entsteht in Lodz.

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde in dieser Stadt das zweitgrößte Ghetto im besetzten Polen errichtet. Natan Grossmann musste hier vier Jahre lang Zwangsarbeit verrichten. Seine Eltern Bluma und Avram starben im Ghetto, sein Bruder Baer vermutlich im Vernichtungslager Chelmno/Kulmhof.

Auch Jens-Jürgen Ventzki kommt nach Lodz, um seine Familiengeschichte zu rekonstruieren. Sein Vater Werner Ventzki bekleidete während des Naziregimes als Oberbürgermeister einen hohen Posten in der Verwaltung von Lodz (Litzmannstadt) und war zeit seines Lebens überzeugter Nationalsozialist. Werner Ventzki wurde nie vor Gericht gestellt. Nach dem Krieg bekleidete er ansehnliche Posten in der Bundesregierung.

Die beiden Männer sind die Protagonisten des Dokumentarfilms „Linie 41“. So hieß die Straßenbahnlinie, die mitten durch das Ghetto verlief und tagtäglich deutschen und polnischen Einwohnern das dortige Elend vor Augen führte.

Regisseurin Tanja Cummings hat ihn gedreht – getrennt mit beiden Männern. Sie begegnen sich im Film nur einmal. Es ist eine Szene dabei, in der Natan Grossmann mit dem Finger auf Ventzki zeigt und erregt fragt: „Warum sind wir damals nicht mit 20 Granaten zu dem Haus gegangen und haben Ihren Vater in die Luft gesprengt?“

Jens-Jürgen Ventzki fragt sich in dem Film beklommen, was am Ende seiner Recherchen herauskommen wird. Dass sein Vater ein Kriegsverbrecher war?

Laut Tanja Cummings sind Grossmann und Ventzki inzwischen enge Freunde geworden.

Was ist bei ihr als prägendste Erinnerung an die Dreharbeiten zurückgeblieben? „Dass Vergangenheit auf einmal ganz gegenwärtig sein kann, sich durch Begegnungen mit Zeitzeugen eine Wucht entwickelt, der man sich kaum entziehen kann“, sagt sie auf die SVZ-Frage.

Der Dokumentarfilm wird am 27. Januar, dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, um 11 Uhr im Luna-Filmtheater Ludwigslust gezeigt. Dann werden auch Natan Grossmann, der nicht nur das Ghetto Lodz, sondern auch die KZ Auschwitz, Braunschweig-Schillstraße, Ravensbrück und Wöbbelin überlebt hat, und Tanja Cummings dabei sein.

Die öffentliche Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung findet am gleichen Tag um 10 Uhr auf dem Ehrenfriedhof Am Bassin in Ludwigslust statt. 200 Opfer des Außenlagers Wöbbelin des KZ Neuengamme wurden hier am 7. Mai 1945 auf Anordnung der amerikanischen Militärbehörden ehrenvoll in Einzelgräbern bestattet.

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