Dömitz Malliß : „Hallo Herr Schiedsmann“

Das Bürgerliche Gesetzbuch hat Harald Gerdes immer parat, auch vor dem Computer.
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Raddenforter Harald Gerdes hat ein außergewöhnliches Ehrenamt: Er schlichtet Streitfälle, nicht nur im Amt Dömitz-Malliß

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16. Dezember 2019, 05:00 Uhr

Nebenan ist ein junges Paar eingezogen. Als erstes haben die jungen Leute um ihr Grundstück einen Zaun gezogen. Zwei Meter hoch. Der Nachbarin Helga B.* passt das gar nicht. „Dürfen die das einfach?“, fragt Helga B.* bei Harald Gerdes telefonisch nach. „Ja, das dürfen die“, antwortet der Schiedsmann. „Aber dann kann ich ja gar nicht mehr sehen, was die da auf ihrem Grundstück so treiben“, protestiert Helga B.*.

So oder so ähnlich passiere es ihm ständig, erzählt der 72-jährige. Das wäre aber noch harmlos. In seinen meisten Fällen handele es sich um langjährige Nachbarschaftskonfikte, wie Grenzangelegenheiten, verhärtete Fronten. Dann tritt der Schiedsmann auf den Plan.

Sein Ziel ist es, den Streit zu schlichten – kostengünstig und schnell. Nicht wie vor Gericht mit einem Verlierer. „Sondern so, dass beide Parteien nicht das Gesicht verlieren“, erklärt der Schiedsmann des Amtes Dömitz-Malliß. Beide sollen als Gewinner rausgehen. „Und wenn die sich hinterher die Hand geben, dann ist das mein Lohn.“

„Innerhalb von drei Wochen muss ich einen Termin für eine Schlichtung festsetzten“, erklärt er. Persönliches Erscheinen von Antragsteller und Antragsgegner sei dabei Pflicht.

Seit 2013 hat Harald Gerdes 53 Fälle verhandelt, im Jahr 2019 waren es fünf, zwei davon sind noch in Arbeit. Seine Schlichtungsquote liegt bei 80 Prozent, was deutlich oberhalb des Landesschnitts liegt. Dabei benötigt der Schiedsmann rund zehn Stunden Zeit pro Verhandlung.

Der Ort der Verhandlung ist dabei nicht fest, erklärt er. Das könne der Küchentisch sein, aber auch die Scheune – je nachdem was die Situation erfordere.

Und die fordert dem Ehrenamtler manchmal ganz schon was ab: Er muss Wogen glätten, eingreifen, wenn das Wortgefecht zu persönlich oder ausfallend wird. Aktiv zuhören, um nach möglichen Lösungsansätzen zu suchen. Kurz und gut: Harald Gerdes ist Diplomat und Rhetoriker. Seine eigenen Emotionen muss er im Griff haben, auch wenn es „manchmal schon hart an der Grenze ist“ und er übel beschimpft wird. „Die Agressivität der Leute nimmt zu“, sagt der Raddenforter. Deutlicher wird er nicht, denn er ist der Verschwiegenheit verpflichtet.

Damit umgehen? „Das lernt man alles“, sagt der Rentner. „Als ich damals gewählt wurde, wusste ich gar nicht genau, was ich eigentlich machen sollte“, verrät er. Die damalige Schiedsfrau hätte ihn quasi im Schweinsgalopp eingewiesen. Vielleicht wird er gerade deswegen von den jüngeren Schiedskollegen gern um Rat gefragt.

Alles fing damit an, dass der Hamburger sich zur Ruhe aufs Land zurückzog. „Ich wollte aktiv bleiben, etwas tun, wo ich gebraucht werde. Und da war die Auschreibung im Amtskurier“, erinnert sich der 72-Jährige. Schon in Hamburg war der gelernte Bäckermeister in der Entwicklungshilfe aktiv.

Sein Engagement als Schiedsmann kam also nicht von ungefähr. „ Es gibt mir als Mensch viel“, sagt Harald Gerdes. Er freut sich, wenn er mit „Hallo Herr Schiedsmann“ auf der Straße begrüßt wird.

„Das Ehrenamt hat ihn verändert“, sagt Ehefrau Inge Gerdes. Positiv. „Ich weiß ja keine Interna, aber man bekommt ein anderes Bewusstsein, nimmt Konflikte anders wahr, geht anders mit ihnen um.“

Doch nicht in allen Streitigkeiten darf ein Schiedsmann aktiv werden: Familien- und Arbeitsrecht sind ausgeschlossen, ebenso wie Probleme zwischen Bürgern und öffentlichen Institutionen oder notarielle Angelegenheiten.

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