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Ludwigsluster Tageblatt

22. November 2017 | 21:36 Uhr

raddenfort : „Guten Tag, Herr Schiedsmann“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Harald Gerdes freut sich über den respektvollen Umgang mit seinem Amt / Raddenforter schlichtet im Amtsbereich Dömitz-Malliß

Klaus T.* wohnt seit Generationen auf dem Grundstück seiner Familie. Als sein neuer Nachbar einen neuen Zaun zieht – 2,50 Meter hoch und dann zum Teil auch noch auf T.s Grundstück – ist er stinksauer. Er fordert von seinem Nachbarn, den Riesenzaun sofort wieder abzubauen, doch dieser winkt ab. So landet Klaus T. schließlich in der Sprechstunde von Harald Gerdes, dem Schiedsmann des Amtes Dömitz-Malliß.

Der 67-Jährige aus Raddenfort hat das Amt im Mai übernommen. Gut vorbereitet, denn zuvor hatte er schon zwei Jahre als stellvertretende Schiedsperson gearbeitet. In dieser Zeit besuchte er mehrere Lehrgänge, begleitete die damalige Schiedsfrau und führte Protokoll in Schlichtungsverhandlungen.


Konfliktparteien müssen erscheinen


An seinen ersten Fall als Schiedsmann kann sich Harald Gerdes noch gut erinnern. „Vordergründig ging es dabei um Eier. Ein älterer Mann hatte sein Grundstück an die Kinder übergeben, hatte aber das Recht, den Hühnerstall zu nutzen. Doch die Tochter hat die Eier immer weggenommen“, berichtet der 67-Jährige. „Im ersten Gespräch stellte sich dann heraus, dass es um viel mehr ging. Die Eier waren nur die Spitze des Konflikts.“ Deshalb setzte Gerdes noch keine Schlichtungsverhandlung an, sondern führte ein zweites Gespräch. „Eine Schiedsstelle ist eben sehr flexibel“, sagt er. Inzwischen arbeitet der Raddenforter am 13. Fall dieses Jahres. Zumeist geht es um Wegerecht, Grenzstreitigkeiten sowie überwuchernde Büsche und Bäume. Aber auch um Lärmbelästigung, Herausgabe von Eigentum, Beleidigung oder Körperverletzung kümmert er sich manchmal. Nicht tätig werden dürfe er im Bereich Familien- und Arbeitsrecht, bei Streitigkeiten zwischen Bürgern und Institutionen des öffentlichen Dienstes sowie bei notariellen Angelegenheiten, so Gerdes.

Hat eine Seite ein Schlichtungsverfahren beantragt und sind die Voraussetzungen dafür erfüllt, setzt Harald Gerdes den Termin für die Schlichtungsverhandlung fest und lädt beide Seiten dazu ein. „Antragsteller und Antragsgegner sind verpflichtet zu erscheinen“, betont der Schiedsmann, der in der Sitzung die Rolle eines Mediators übernimmt. Die beiden Konfliktparteien sollen ihre Argumente austauschen. Gerdes macht sich derweil Notizen, wo er Ansatzpunkte für eine Einigung sieht. Und er greift ein, wenn es unsachlich wird. Das Protokoll der Verhandlung – im Idealfall einschließlich erzielter Einigung – müssen die Parteien sofort unterschreiben. Ein Zurück gibt es dann nicht mehr. Der geschlossene Vergleich ist dann vollstreckbar – 30 Jahre lang.

Der Zaun-Streit wurde zu einer langwierigen Sache. „Der Austausch der Argumente brachte keine Annäherung“, erinnert sich Gerdes. Nach langem Hin und Her habe man dann beschlossen, die Grundstücke – im Beisein des Schiedsmannes – neu vermessen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass die Grenze an einigen Stellen tatsächlich unerheblich überschritten worden war. Bei der nächsten Verhandlung kam es zur Einigung: Der Zaun darf stehen bleiben, T.s Nachbar zahlt eine Überbaurente in zehn Jahresscheiben und übernimmt 70 Prozent der Vermessungskosten sowie der Verfahrenskosten. T. trägt jeweils 30 Prozent. Bis zur Einigung hatte Schiedsmann Gerdes rund 40 Stunden in diesen Fall investiert. „Aber wenn ich so schwierige Fälle geschafft habe, bin ich auch stolz darauf“, betont der Raddenforter, der in seinem Amt die Erfüllung gefunden hat, die er nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben gesucht hatte. „Ich habe viele Jahre als Chef gearbeitet, musste immer mit dem Kopf arbeiten und Entscheidungen treffen – da ist das Schiedsamt jetzt genau das Richtige.“

Dankbar ist Harald Gerdes nicht nur für die Unterstützung durch den Kalisser Bürgermeister Burkhard Thees und Ronny Schult von der Amtsverwaltung. „Eine schöne Erfahrung ist auch der respektvolle Umgang mit mir persönlich und dem Schiedsamt“, sagt der Ruheständler. „Manchmal werde ich auf der Straße mit ,Guten Tag, Herr Schiedsmann’ gegrüßt.“

Einmal im Monat – jeden ersten Dienstag (15.30 bis 16.30 Uhr) – bietet Harald Gerdes eine Sprechstunde an. Ansonsten ist er unter Telefon 038758 35298 zu erreichen. So können auch andere Termine vereinbart werden.

 

 

 

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