Ludwigslust : Großer Auftritt einer kleinen Frau

Rund 150 Besucher erlebten die Lesung und Konzert im Lichthof
1 von 2
Rund 150 Besucher erlebten die Lesung und Konzert im Lichthof

Jüdische Musikerin Esther Bejarano zog mit Lesung und einem Konzert mit ihrer Rap-Band Zuhörer im Lichthof des Rathauses in ihren Bann

23-11367762_23-66107805_1416392155.JPG von
30. März 2015, 07:00 Uhr

Ihre Stimme ist klar, sie ist kraftvoll und zieht die Zuhörer in ihren Bann. Die kleine Frau, die da vorn am Tisch sitzt und aus ihren Erinnerungen liest, ist Esther Bejarano. Die jüdische Musikerin ist 90 Jahre alt, sie ist eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters aus dem Konzentrationslager Auschwitz.

Ramona Ramsenthaler, die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, freut sich, dass Esther Bejarano die Einladung der Landeszentrale für politische Bildung M-V und des Vereins Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust-Parchim e.V. angenommen hat, am Freitagabend zu einer Lesung mit Konzert in den Lichthof des Rathauses nach Ludwigslust zu kommen. Für den Ludwigsluster Bürgermeister Reinhard Mach ist das ebenso ein ganz besonderes Ereignis.

Sie wird 1924 als Esther Loewy geboren. Sie ist die Tochter eines jüdischen Oberkantors und wächst in Saarlouis, Saarbrücken und Ulm auf. Ihr Vater weckt ihr Interesse für Musik, Esther singt leidenschaftlich gern und lernt Klavier.

Die rund 150 Zuhörer im Lichthof des Rathauses, die unten und oben, ja sogar auf der Wendeltreppe sitzen, hören, was Esther Berajano im KZ Auschwitz an Grausamkeiten erleiden musste. 1941 ermorden die Nazis ihre Eltern. Esther Bejarano erfährt davon erst sehr viel später, sie ist zu der Zeit in einem Zwangsarbeitslager bei Fürstenwalde und wird 1943, da ist sie 18, nach Auschwitz deportiert. Die Nazis tätowieren ihr die Nummer 41948 auf den linken Unterarm. Sie erkrankt an Bauchtyphus und Avitaminose. Sie sieht, wie Frauen sich gegen den Starkstrom führenden Lagerzaun werfen, um zu sterben.

Esther Bejarano lügt, um zu überleben. Als im Lager ein Mädchenorchester gegründet wird, behauptet sie, sie könne Akkordeon spielen. Das und ihre Musikalität retten ihr wohl das Leben. Sie findet die richtigen Tasten für den Schlager Bel Ami, wird Teil des Auschwitz-Orchesters und muss keine Steine mehr schleppen. Stattdessen spielt sie für die eintreffenden Häftlinge Akkordeon. „Ich musste da stehen und spielen, wenn neue Transporte aus ganz Europa ankamen. Wir wussten, dass sie in die Gaskammern gehen. Die Ankommenden wussten das nicht, sie haben uns zugewunken. Sie dachten: Wo Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Das war mit das Schlimmste, was ich erlebt habe.“

Als Enkelin einer christlichen Großmutter wird sie als „Viertel-Arierin“ ins KZ Ravensbrück verlegt und mit anderen Häftlingen kurz vor Kriegsende auf den Todesmarsch geschickt. Sie kann mit ihren Freundinnen fliehen. Als am 8. Mai 1945 der Krieg zu Ende ist, sind sie im mecklenburgischen Lübz. Russische und amerikanische Soldaten tanzen mit den abgemagerten Mädchen aus Auschwitz um ein brennendes Hitler-Bild. Esther Bejarano spielt Akkordeon. „Das war für mich meine ganz persönliche Befreiung, meine Wiedergeburt.“

Mehr als eine halbe Stunde zog sie die Zuhörer im Lichthof in ihren Bann, auch viele junge Leute waren darunter.

So ernst und konzentriert wie Esther Bejarano aus ihren Erinnerungen las, so kraftvoll und mitreißend konnten die Zuhörer sie dann im Rap-Konzert erleben. Diese Frau ist 1,47 Meter klein, mutig, eine Kämpferin, die nie aufgibt. Auschwitz-Überlebende, Antifaschistin und Sängerin in der Rap-Band „Microphone Mafia“. Die jungen Männer, ein Muslim und ein Christ, rappen; das sind die Kölner Kutlu Yurtseven und Rossi Pennino. Esther, die Jüdin, singt; ihr Sohn Joram spielt Gitarre.

Drei Generationen aus drei Religionen spielten im Lichthof Lieder über den jüdischen Widerstand, antifaschistische, antimilitaristische Lieder, auf Jiddisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Türkisch. „Unser Auftritt, unsere Musik ist ein Lächeln für den Widerstand gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit“, sagte Kutlu.

Es war ein besonderes Konzert für alle Generationen. Die Besucher im Lichthof machten mit,sangen mit, klatschten, am Schluss gab es stehende Ovationen für Esther Bejarano und ihre Musiker. Und das Versprechen, gern wieder nach Ludwigslust zu kommen.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen