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Ludwigsluster Tageblatt

23. November 2017 | 08:54 Uhr

Dömitz : Grabstein von 1752 soll nicht sterben

vom

Auf dem Dömitzer Friedhof wurde ein doppelt genutzter Grabstein aus dem Jahre 1752 entdeckt. Der wird nun wohl dem Museum übereignet. Das Grab sollte ursprünglich eingeebnet werden, der Stein im Betonschredder enden.

svz.de von
erstellt am 22.Aug.2012 | 10:20 Uhr

Dömitz | Der Familienname ist in Dömitz noch sehr bekannt. Wird einer der älteren Bürger in der Stadt nach der Familie Frede gefragt, dann folgt prompt die Antwort: "Das ist doch die Schifferdynastie. Die haben "Am Wall 10" auf der Ecke gewohnt. Das Haus hat doch der Pfeifensammler Jansen gekauft." Und diese drei Sätze treffen exakt den Kern, lächelt der heute in Spay nahe Koblenz lebende, 76-jährige Siegfried Frede gestern beim Frühstück in einer Dömitzer Pension, als er der SVZ etwas Besonderes mitteilen wollte.

Siegfried Frede , mit Ehefrau Marlene und dem 80-jährigen Bruder Hermann waren nach Dömitz gekommen, um sich um das Grab der Eltern zu kümmern. Es soll eingeebnet werden, weil die Liegefrist um ist; die ältere Frau, die das Grab bislang hegte und pflegte, diese Arbeit nicht mehr leisten kann. Die Fredes selbst wohnen schlicht zu weit weg, um weiterhin alles ordentlich zu halten, erklärt Siegfried Frede. Bei einem früheren Urlaubsaufenthalt in Göhlen entdeckte Bruder Hermann dann auf dem Dömitzer Friedhof, dass der Grabstein eine hinter einem Betonputz verborgene Besonderheit verbarg: Der Grabstein ist ein zweites Mal genutzt worden. Auf der Vorderseite wurden die Namen der Großeltern in den Sandstein graviert, davor liegend, erinnert eine schwarze Platte mit den Lebens- und Sterbedaten an Siegfried und Hermanns Eltern. Als der Bruder die Rückseite des Grabmals näher in Augenschein nahm und den Putz vorsichtig abrieb, entdeckte er die Inschrift eines verstorbenen Schiffers Frede aus dem Jahr 1752.

Dieser Grabstein soll nicht sterben, befanden die beiden Brüder. Gestern nun haben sie Kontakt mit dem Museumsleiter der Festung Dömitz, Jürgen Scharnweber, aufgenommen, um abzuklopfen, ob dieses Familienrelikt überhaupt eine Überlebenschance besitzt.

Museumsleiter Scharnweber äußerte gegenüber der SVZ durchaus Interesse, denn "man sei immer daran interessiert, für die Stadtgeschichte historisch relevante Angelegenheiten zu erhalten. Jedoch müssten die Fredes erst einmal die erforderlichen Voraussetzungen schaffen, damit der Grabstein den Friedhof unbeschadet verlassen könne." Das wiederum wollen die beiden Frede-Brüder unverzüglich angehen.

Die Familie Frede zählte seit je her zum Berufsstand der Schiffer. Vater Hermann Frede beschäftigte Sohn Siegfried schon in frühen Jahren an Bord des familieneigenen Binnenschiffes. Als Matrose befuhr Siegfried die Binnengewässer der gesamten DDR. Ausgerechnet an der Dömitzer Eldeschleuse wäre er in einem Wintermonat fast ertrunken. Als junger Mann rutschte er auf einer von Eis überzogenen Planke aus und stürzte in die Elde. Ein Vorsprung an der Schleusenwand war seine Rettung.

Keine Rettung für "Schiff und Kapitän" gab es nach Kriegsende: Die russische Besatzungsmacht beschlagnahmte das väterliche Schiff. Eigner Frede musste das Schiff eigenhändig bis nach Berlin manövrieren. Das hat der Dömitzer bis zum seinem Tod 1981 nicht überwunden. Auf dem Binnenschiff seines Onkels schmuggelte Siegfried seinen damals 14-jährigen Bruder aus der DDR in den Westen. Er selbst ging 1953 bei einer Passage im Westteil Berlins von Bord und wurde ein Jahr später nach Hannover ausgeflogen.

Frede blieb der Schifffahrt treu: Als Matrose fand er sein Glück am Rhein. Die Tochter seines Arbeitgebers gefiel ihm nicht schlecht und sie sah in ihm sogar einen tollen Mann. Allein die Hürde des Schwiegervaters, ein selbstständiger Rheinschiffer, war zu bewältigen: Ohne Binnenschifferpatent keine Hochzeit! Die Hürde wurde genommen. Seitdem war Siegfried Frede hauptsächlich auf dem Rhein unterwegs. Bruder Hermann verdiente sein Geld als Schlachtermeister einer renommierten Fleischerei in Essen, die Schwester lebte in Hannover. Der Kontakt zu ihren Eltern riss niemals ab. Zwar war für die jungen Fredes Dömitz und das Sperrgebiet tabu, doch der Besuch von Verwandten in Kaliß wurde genehmigt. Mit der Wende trafen sie Mutter Marie, geborene Hein aus Strassen, in Dömitz "Am Wall 10" wieder.

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