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Ludwigsluster Tageblatt

25. November 2017 | 03:19 Uhr

grabow : Grab an der Chaussee zieht um

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Umbetter des Volksbundes birgt die Gebeine des Kriegsopfers August Knoke und bestattet sie auf dem Grabower Friedhof

von
erstellt am 13.Apr.2016 | 21:00 Uhr

Es ist kurz nach neun Uhr. Regen liegt in der Luft, doch es bleibt noch trocken. „Genau das richtige Wetter!“, sagt Joachim Kozlowski. Er steht auf dem einsamen Grab an der B 5 zwischen Ludwigslust und Grabow. Vorsichtig lässt Kozlowski die Sondiernadel in die Erde gleiten. Der 43-Jährige ist Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und hat heute die Aufgabe, August Knoke seine endgültige Ruhestätte auf dem Friedhof im nahen Grabow zu geben.

Jahrzehnte lang lag der Tote am Waldrand, genügend weit von der Chaussee entfernt. Es war ruhig und idyllisch. Als die neue Autobahn A 14 näher rückt, ist es plötzlich damit vorbei. Ein Verkehrskreisel rückt bedrohlich an die Ruhestätte heran. Es muss etwas geschehen. Am 3. Januar 2014 fragt SVZ ihre Leser, ob jemand etwas über August Knoke weiß. Die Resonanz ist groß. Drei Wochen später kann Grabows Bürgermeister Stefan Sternberg in unserer Zeitung die Person des Ministerialrats aus Berlin, der mit Frau und zwei Kindern in einem Flüchtlingstreck die Chaussee entlang zieht, näher beschreiben. Knoke ist hier an einem Herzinfarkt oder einer Lungenentzündung gestorben.


Sondiernadel findet keinen Widerstand


Schon 2014 ist klar: Das Grab wird umgebettet. Deshalb ist Joachim Kozlowski jetzt da. Die Sondiernadel findet keinen Widerstand. Er gräbt nach. Nichts. Liegt da etwa niemand im Grab? Der Umbetter telefoniert mit dem Amt in Grabow. Ein Minibagger wäre gut, denn die Grabumrandung besteht aus massiven Steinquadern. Und die können leicht ins Rutschen kommen.

Während Kozlowski mit seinem Handy beschäftigt ist, hält Enrico Mörstedt mit seinem Transporter an, neugierig geworden, was sich hier tut. Er ist Schlosser bei der nahe gelegenen Firma „Grabower Tief- und Straßenbau Haack & Stewering“ und hat die Geschichte von August Knoke verfolgt. Enrico Mörstedt bietet seine Hilfe an, weil er weiß, dass sein Chef Stefan Haack nichts dagegen haben wird. Kurze Zeit später hat Joachim Kozlowski in der Baufirma alles geklärt und Enrico Mörstedt rumpelt mit dem Minibagger um die Waldecke. Eigentlich ist Frühstückszeit. „Kann ich später noch machen“, winkt der Schlosser ab.

Schon als er wenig später die Grabumrandung beiseite räumt, wird klar: Mörstedt kann so sicher mit dem Bagger umgehen, als würde er mit den Händen graben. Der richtige Mann für die sensible Aufgabe.

Schicht um Schicht Erde zieht Enrico Mörstedt vorsichtig ab. Der Umbetter steht dabei und beobachtet die Farbveränderungen im Boden. Nach einem Meter in die Tiefe hebt Joachim Kozlowski die Hand: „Stopp!“

Inzwischen ist es halb elf. Er springt in die Grube und stochert im Boden. Ist das ein Stein, der da zum Vorschein kommt? Der Experte schüttelt den Kopf. „Das ist der Schädel“, sagt er schlicht.


Sogar die Tabakspfeife ist noch vorhanden


Von nun an schweigt der Bagger. Der Umbetter nimmt das Geschehen in die Hand. Mit dem Spaten und einem Körperscanner, wie er auch auf Flughäfen verwendet wird, geht es weiter. „Ich arbeite mich von unten nach oben vor“, erklärt er zwischendurch und legt die Schuhe des Opfers frei. „Das Wadenbein ist gebrochen“, stellt Kozlowski wenig später fest. Er war mal Rettungssanitäter und kennt sich mit der menschlichen Anatomie und ihren Verletzungen aus.

Nebenbei kommen Utensilien zum Vorschein, die August Knoke bei sich hatte: Zahnprothese, ein Kopierstift, wie er in der Wehrmacht verwendet wurde, eine Brille, Kamm, sogar die Tabakspfeife ist noch vorhanden – und Streichhölzer.

Die sterblichen Überreste legt Kozlowski in einen kleinen Sarg, den er anschließend auf dem Grabower Friedhof beisetzt. Neben einem Grabfeld, in dem schon Kriegsopfer liegen.

Der Umbetter hat an diesem Tag einem weiteren Kriegsopfer zu seinem „dauernden Ruherecht“ verholfen. So regelt es das deutsche Gräbergesetz, nach dem die Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft auf ewig fortleben soll.

Joachim Kozlowski lebt für seinen Beruf. Dafür stellt er sein persönliches Leben hintenan. Mit der Geschichte des Krieges und seiner Opfer ist er aufgewachsen. „Meine Mutter hat sehr lange nach ihren beiden wesentlich älteren Brüdern gesucht, die beide im Krieg geblieben sind. Das prägt!“, sagt Joachim Kozlowski, der auf den Seelower Höhen zu Hause ist. Ein Ort blutigen Geschehens. Die viertägige Schlacht um die Seelower Höhen im April 1945 eröffnete die Offensive auf Berlin, das letzte Kapitel des Nazireiches.

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