Grabow : Goldleistenfabrik Grabow schließt

Die Grabower Goldleistenfabrik um1920 nach einer Zeichnung von G. Schütz. Repro: Privat
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Die Grabower Goldleistenfabrik um1920 nach einer Zeichnung von G. Schütz. Repro: Privat

Nach 148 Jahren endet in der bunten Stadt an der Elde eine lange Handwerkstradition/ Am 31. Juli zum letzten Mal für die Kunden geöffnet

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30. Juli 2014, 07:00 Uhr

Grabow im Juli 2014. Nach nunmehr 148 Jahren geht eine lange Grabower Handwerkstradition, die Herstellung handveredelter Bilderrahmen und Leisten, zu Ende. Am 31. Juli 2014 wird die Th. Heinsius + M. Lampert Goldleistenmanufaktur in der Berliner Straße 40a das letzte Mal für ihre Kunden geöffnet haben. Das teilen die Geschäftsführer Stephan Heinsius und Monika Lampert von der Th. Heinsius + M. Lampert Goldleistenmanufaktur in einer gemeinsamen Erklärung mit.

Trotz aller Bemühungen und erster kleiner Erfolge in den Jahren 2010 und 2011 konnte sich das Unternehmen mit seinen Qualitätsprodukten nicht mehr gegen aktuelle Trends wie den Hang zu Schnelllebigkeit und Billigprodukten entgegen stellen.

Grabow im Juni 1866. Der Glasermeister Theodor Heinsius legt mit der Anschaffung einer Grundiermaschine die Basis für ein rasch wachsendes Geschäftsfeld, die Herstellung von Holzleisten für Bilderrahmen. Die Kenntnisse dafür eignete sich der seit 1857 in Grabow als Glasermeister ansässige Theodor Heinsius zuvor in einem Kursus in Berlin an.

Sägen, Kehlen, Grundieren, Vergolden - der komplette Herstellungsprozess für Barock- und andere Rahmen und Leisten des ausgehenden 19. und angehenden 20. Jahrhunderts fand in Grabow statt. Über 100 Mitarbeiter waren am Standort dauerhaft beschäftigt, das Unternehmen seit 1894 in zweiter Generation durch die Brüder Carl und Albert Heinsius geführt. In den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte die Firma Th. Heinsius ihren Höhepunkt und größte Ausdehnung. Sie war zu einem der größten Leistenhersteller in Deutschland gewachsen. Geliefert wurde ins In- und Ausland.

Durch die beiden Weltkriege und die damit verbundenen Nöte - unter anderem mussten „kriegswichtige Güter“ anstelle von Bilderrahmen hergestellt werden - wurden das Unternehmen, seine Mitarbeiter und seine Geschäftstätigkeit in starke Mitleidenschaft gezogen. Wenige Monate nach Einmarsch der Roten Armee 1945 in Grabow verlor die Goldleistenfabrik zudem ihren Leiter Dr. Walter Heinsius, der seit dem Tod seines Bruders Theodor seit 1944 das Unternehmen allein führte. Er wurde als „Kapitalist“ verhaftet, starb 1946 im Lager Fünfeichen bei Neubrandenburg.

Der Betrieb wurde durch seine Frau Dr. Dorothea Heinsius und dem Prokuristen Robert Markwardt weitergeführt. 1953 wurde die Firma enteignet und bestand in der DDR als „VEB Goldleistenfabrik“, später als „VEB Plast- und Holzverarbeitung“ bis 1990 weiter. Nun wurden auch Kunststoffleisten hergestellt, die hochwertigeren Produkte wurden als „Devisenbringer“ in den Westen verkauft.

Mit der Wiedervereinigung war das Fortführen der Geschäfte nur mit einem Kooperationspartner möglich, der Wiederaufstieg misslang jedoch aufgrund der schwierigen Marktsituation. Ende 1995 wurde der Betrieb eingestellt. Doch die Herstellung von Bilderrahmen und –leisten wurde fortgeführt. Die Vergolderin Monika Lampert machte sich selbstständig und richtete sich mit Zustimmung des Eigentümers auf dem alten Gelände eine Werkstatt ein. 1999 gründeten sie und Prof. Dr. Theodor Heinsius (Sohn von Dr. Walter Heinsius), der seiner Heimatstadt Grabow über Jahrzehnte hinweg immer verbunden blieb, mit der Firma Th. Heinsius + M. Lampert Goldleistenmanufaktur GmbH + Co. KG ein neues Unternehmen.

Stephan Heinsius und Monika Lampert führten bis zuletzt die Grabower Goldleistenmanufaktur. Neue Räume wurden in der Berliner Straße 40a gefunden, wo das Unternehmen noch heute ansässig ist. Nach dem Tod von Prof. Dr. Theodor Heinsius stieg sein Sohn Stephan Heinsius im Jahr 2009 neben Monika Lampert in die Geschäftsführung ein. Der studierte Diplom-Informatiker brachte über Partnerunternehmen das Internet mit, der Vertrieb wurde neu aufgebaut, das Händlernetz in ganz Deutschland sukzessive erweitert, auch international waren nun Grabower Rahmen
via Online-Einrahmung im Internet erhältlich. Trotz aller Bemühungen konnte sich das kleine Unternehmen jedoch nicht gegen sich inzwischen global entwickelte Trends durchsetzen. In Zeiten von Digitalkamera, Smartphone und sozialen Netzwerken ist die klassische Einrahmung von Bildern immer weniger bei den Endkunden gefragt.

„Wir bedauern diese Entwicklung außerordentlich. Umso mehr freuen wir uns, dass wir einen Großteil unserer Produktionsressourcen an die Glaserei Schütt in Eldena, Tel. 038755-20224, übergeben können und dort unsere Produkte ab August 2014 weiterhin erhältlich sein werden. Wir danken unseren Kunden in Grabow und Umgebung für ihre langjährige Treue und verabschieden uns im Namen des Goldleisten-Teams in Grabow und Dreieich“, so Stephan Heinsius und Monika Lampert.

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