Ludwigslust: Behinderter immer wieder Opfer von Gewalt : Geschlagen, gequält, gedemütigt

Ängstliche Geste: Gewalt ist auch lim Landkreis ein Thema. dpa
Ängstliche Geste: Gewalt ist auch lim Landkreis ein Thema. dpa

Steve Wese* schaut schüchtern vor sich hin. Immer wieder wird er verprügelt. Dreimal innerhalb eines Jahres. Immer wieder Schläge, Aggression, Qual.

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14. Oktober 2011, 09:48 Uhr

Steve Wese* (*Name von der Redaktion geändert) schaut schüchtern vor sich hin. Immer wieder wird er verprügelt. Dreimal innerhalb eines Jahres. Immer wieder Schläge, Aggression, Qual. Immer wieder Mobbing, Demütigung, Prügel. Und das, obwohl der Mann Anfang dreißig geistig behindert und psychisch angeschlagen ist.

Wegen seiner Erkrankung hat er eine gerichtlich bestellte Betreuerin, die ihn zum Beispiel vor Ämtern und Behörden vertritt. Renate Evers* (*Name von der Redaktion geändert) kann die Gewalt der Übergriffe nicht fassen. „Die Täter suchen sich Steve gezielt aus, um ihn auszunutzen und sich an ihm auszulassen“, sagt Evers. Die Gewaltorgien seien ihr unbegreiflich. Vor einem Jahr verprügelten ihn einige Täter, zogen ihn danach aus, warfen seine Kleidung auf ein Dach. „Das ist doch kaum zu glauben“, sagt Renate Evers und fasst sich mit der Hand an die Stirn. Die grenzenlose Aggression macht sie wütend. Damals verurteilte ein Gericht die Täter zu hohen Strafen. Das Ende der Gewalt bedeutete das aber nicht.

Mann kann nur schwer Freund und Feind unterscheiden

Steve Wese sitzt daneben und schaut zu seiner Betreuerin hinüber. Wenn er spricht, dann mit dünner Stimme. Seine Augen sind freundlich und etwas scheu, seine Gesten zurückhaltend. Wese ist nicht sehr groß und ziemlich schlank, er trägt ein T-Shirt und eine kurze Hose. Aller Zurückhaltung und seiner Behinderung zum Trotz: Ein unbeschriebenes Blatt ist Wese nicht. Auch er ist der Polizei bekannt, hatte immer wieder mit Drogen zu tun. „Er ist kein Unschuldslamm, aber er ist nicht gewalttätig“, sagt seine Betreuerin. Besonders deshalb kann sie die Gewalt gegen ihren Schützling nicht verstehen. „Es ist Teil seiner Krankheit, dass er sich ausnutzen lässt, oft auch für schlechte Dinge“, erklärt sie. Wese sehnt sich nach Freundschaften – und gerät dabei immer wieder an falsche Freunde. „Ich möchte gerne dazugehören“, sagt Wese leise und zuckt mit den Schultern. Gegen schlechte Freunde kann er sich aufgrund seiner Behinderung nur schwer abgrenzen. „Er hat Schwierigkeiten damit, zwischen wohlwollenden und hinterhältigen Menschen zu unterscheiden und das nutzen Täter immer wieder aus“, sagt Evers. Wese sei so gestrickt, dass er alles für jemanden tun würde, um dessen Freund zu sein. Die Brutalität der Täter findet Evers absolut erschreckend.

Täter prügelte Wese vor zwei Wochen krankenhausreif

Ende September dann der nächste Fall: Ein flüchtiger Bekannter lauert Wese auf, beschmimpft ihn, schlägt auf ihn ein, nimmt ihm sein Handy ab. „Er hat auf mich eingetreten, als ich schon am Boden lag“, erinnert sich Wese. Anschließend musste er ins Krankenhaus, sein Gesicht war blau und blutig. Zwei Wochen lang war er arbeitsunfähig. Gewehrt hat er sich nicht. „Er läuft nicht weg, sondern reagiert starr, lässt alles über sich ergehen“, sagt Evers.

Bei der Polizei erstattete Wese umgehend Anzeige. „Leider sind die Beamten schlecht zu erreichen und wir bekommen kaum Informationen“, beklagt sich die Betreuerin. Ein Polizeisprecher entkräftet die Vorwürfe: „Umfangreiche Ermittlungen wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung laufen.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Polizei den brutalen Schläger auch in diesem Fall finden kann.

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