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Dömitz : Geschichtsstunde in der Wallstraße 21

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Zeitzeugin Christel Fuhrmann aus Dömitz berichtete Schweriner Gymnasiasten vom Leben im Grenzgebiet und erinnerte an Zwangsaussiedlungen.

In der gemütlichen Wohnstube von Christel Fuhrmann ist an diesem Sonnabendnachmittag jeder Platz besetzt. Ja, ihre jugendlichen Besucher sitzen sogar auf dem Fußboden, aber das stört niemanden. 16 junge Leute von der Neumühler Schule aus Schwerin sind mit ihrer Tutorin und Klassenlehrerin Bärbel Mäder in die Wallstraße 21 nach Dömitz gekommen, um die heute 87-jährige Dömitzerin als Zeitzeugin zu einem ganz besonderen Thema zu befragen. Aktuell behandeln die angehenden Gymnasiasten „Grenznaher Raum - Sicherung der DDR-Grenze und das Schicksal der Menschen, die hier lebten“. Und die Mädchen und Jungen aus der 12. Klasse, die den weiten Weg von der privaten Schule aus Schwerin auf sich genommen haben, hören aufmerksam zu. Christel Fuhrmann erzählt über ihr Leben, die schwere Zeit nach dem Krieg, über den Alltag im DDR-Grenzgebiet. Das ehemalige LDPD-Kreistagsmitglied zur Wendezeit und über Jahrzehnte Leiterin des Dömitzer Kulturhauses hat als Krankenschwester den Zweiten Weltkrieg in Dömitz erlebt, der Grenzzaun verlief nach 1945 direkt an ihrer Hausfassade in der Wallstraße vorbei. Ihre Eltern, die eine Gärtnerei in Dömitz betrieben, wurden Opfer der Zwangsaussiedlung „Aktion Kornblume“ im Jahre 1961. Der Blick über die Elbe in den Westen war ihr dann bis 1989 nur durch das große Panoramafenster der Wohnstube im ersten Obergeschoss vergönnt.

Ganz still ist es, als die heute 87-Jährige über die Zwangsaussiedlungen in den Jahren 1952 und 1961 erzählt. „Schon die erste Massenaussiedlung vom 7. Juni 1952 war gut vorbereitet“, erzählt Christel Fuhrmann. In zwei Verordnungen wurde das Ministerium für Staatssicherheit beauftragt, „Maßnahmen zur Verhinderung des Eindringens von Diversanten, Spionen und Terroristen zu ergreifen“. Es wurden Leute umgesiedelt, die eine andere Meinung als die offizielle äußerten. In Dömitz waren es vor allem Gaststättenbesitzer. Von den ehemals 21 Restaurants blieb kaum eines übrig. Die damals ausgesiedelt wurden, sind zu neunzig Prozent in den Westen gegangen, zum Beispiel ein Kupferschmied, der ein bisschen gegen den Staat gestänkert hatte. Häuser direkt an der Grenze wurden dem Erdboden gleichgemacht. Ein Landwirt, der sich der Aussiedlung widersetzte, wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.


Menschen wurden zu Feinden des Sozialismus abgestempelt


1961 wurde eine neue Verordnung erlassen: „Die Aufenthaltsbeschränkung kann angeordnet werden, wenn die Fernhaltung der Person von bestimmten Orten und Gebieten im Interesse der Allgemeinheit oder eines einzelnen geboten oder die öffentliche Sicherheit oder Ordnung bedroht ist.“ Für Christel Fuhrmann ist das das Schlimmste: Dass Menschen zu Feinden des Sozialismus abgestempelt wurden, zu zwielichtigen Personen, die man besser mied. Der Weg in den Westen war ihnen inzwischen durch die Mauer verbaut. „Mir hat das immer weh getan, wenn Leute meinten: Irgendwas wird schon gewesen sein, sonst wird doch keiner ausgesiedelt“. Die jungen Leute erfuhren auch über die Aktion „Kornblume“ (1961) viele Details, die so nur von einer Leidtragenden berichtet werden können. Christel Fuhrmann musste als Mutter von drei Knirpsen mit Abstand von nicht einmal 50 Metern miterleben, wie ihre Eltern von Polizei und Staatssicherheit umringt, nur mit dem Allernötigsten auf einen Lkw verfrachtet und weggeschafft wurden.

Christel Fuhrmann zeigt den jungen Leuten Kopien von Dokumenten, Zeitungsartikel, Flugblätter und Auszüge aus Stasi-Akten, sowie persönliche Erinnerungen von Opfern, die ein Bild davon zeichneten, was Zwangsaussiedlung für die Betroffenen bedeutete.

Für die angehenden Abiturienten war das eine Geschichtsstunde der besonderen Art, die auf Vermittlung ihrer Klassenlehrerin Bärbel Mäder zustande kam. „Ich wohne in Eldena und kenne Christel Fuhrmann schon sehr lange. Da bot es sich an, mit meinen Schülern hierher zukommen. Es ist wichtig, dass sie zu diesen Themen Einzelheiten von Zeitzeugen erfahren“, sagte die Klassenlehrerin. Da es in der Woche aufgrund der vielen schulischen Belastungen nicht passte, haben sich die Schweriner Gymnasiasten dafür entschieden, diesen Besuch bei Christel Fuhrmann auf einen Sonnabend zu legen. Zuvor hatten sie noch eine Ausstellung im Museum der Festung Dömitz besichtigt.

Für die gebürtige Dömitzerin Christel Fuhrmann, geborene Seifert, sind solche Begegnungen mit jungen Menschen im Wohnzimmer ihres Hauses nichts Außergewöhnliches. Bärbel Mäder kam in den vergangenen Jahren regelmäßig mit Schülern ihrer Abiturklasse zu ihr nach Hause. Und solange es die Gesundheit noch zulässt, wird Christel Fuhrmann zu diesen Themen wie Leben im Grenzgebiet und Zwangsaussiedlungen als Zeitzeugin zur Verfügung stehen und der Jugend ihr Wissen weitergeben. Damit diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät.

 

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erstellt am 20.Jan.2014 | 07:00 Uhr

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