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Ludwigsluster Tageblatt

21. August 2017 | 10:16 Uhr

Wöbbelin : Geschichte der Nachbarn hautnah

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Schwedische Jugendliche besuchen nach Zeitzeugengespräch zuhause Erinnerungsstätte in Deutschland

Die Betroffenheit ist zu greifen, als die Schwarzweiß-Aufnahmen stumm an der Wand aufstehen. Es sind Filmbilder, die Soldaten der 82. US-Luftlandedivision nach der Befreiung des Konzentrationslagers Wöbbelin Anfang Mai 1945 gemacht haben. Erschrockenes Aufstöhnen, als ein halbnackter, ausgemergelter Häftling ins Bild kommt, nicht mehr in der Lage zu laufen. Immer wieder Leichen, Schmutz… Jede Sequenz scheint Leid herauszuschreien. Das war gestern Geschichtsunterricht ganz anders, als es die 28 angehenden Pferdewirtinnen aus dem südschwedischen Bollerup sonst gewohnt sind.

Sie haben sich indessen auf ihren Besuch in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin vorbereitet – in einem Gespräch mit Stefan Zablocki aus Malmö, der sie in ihrer Berufsschule besuchte. „Stefan Zablocki und sein Vater sind in den Konzentrationslagern Auschwitz und Braunschweig Schillstraße gewesen und über Ravensbrück mit dem letzten Transport am 26. April 1945 nach Wöbbelin gekommen. Er war bei der Befreiung 16 Jahre alt und sie sind nach Schweden ausgewandert“, erzählt Ramona Ramsenthaler, die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätten in Wöbbelin. Zweimal ist Stefan Zablocki an den Ort des Grauens zurück gekehrt, 2005 und 2008. „Es fällt ihm sehr schwer“, sagt Ramona Ramsenthaler.

„Als ich das erste Mal mit Stefan Zablocki zusammentraf, das war ein Erlebnis, das mich für mein Leben geprägt hat“, gesteht Anna Hansson. Die Lehrerin gehört zu den Begleitern der Bollerup-Gruppe, allesamt Berufsschüler des dritten Lehrjahres. Sie erinnert sich, wie bewegt der KZ-Überlebende war, als er sich an das Martyrium in Wöbbelin erinnerte. „Für unsere Schüler ist das eine ganz andere, außergewöhnliche Begegnung mit der deutschen Geschichte, die sie auch im Unterricht kennenlernen“, sagt Anna Hansson. Die Begegnungen mit Stefan Zablocki und die Besuche in den Mahn- und Gedenkstätten haben für die Schweden inzwischen eine jahrelange Tradition.

Eines der Anliegen der Wöbbeliner Erinnerungsstätte ist es, den Opfern ein Gesicht zu geben. 1000 der 5000 Häftlinge, die hier innerhalb von zehn Wochen Anfang 1945 eingesperrt waren, verloren ihr Leben. Inzwischen sind zahlreiche Biografien von Opfern aufgearbeitet,was nicht nur die Geschichte authentischer macht, sondern immer wieder auch den Familien der hier Eingesperrten hilft, ganz persönliche Schicksale nachzuvollziehen. Ein viel beachtetes Kunstprojekt in den vergangenen Jahren mit Teilnehmern internationaler Workcamps war die Plastik des Magdeburger Künstlers Marcus Barwitzki mit dem Titel „Gesichter des KZ Wöbbelin“. Sie hat ihren Platz vor dem Gebäude der Mahn- und Gedenkstätten gefunden.

Das KZ Wöbbelin existierte vom 12. Februar bis 2. Mai 1945. Es diente als Außenlager des KZ Neuengamme, welches sich bei Hamburg befand. Häftlinge, die ab Mitte April 1945 nach und nach mit Transporten hierher kamen, starben vor allem an Unterernährung und den katastrophalen Verhältnissen. Tief bewegt von den vorgefundenen Zuständen, ordnete der amerikanische Divisionskommandeur Gavin an, dass deutsche Zivilisten das Lager besichtigen mussten. Die Opfer wurden in Ludwigslust, Schwerin, Hagenow und Wöbbelin in Einzelgräbern beigesetzt. Seit 1965 gibt es eine Dauerausstellung im Wöbbeliner Museum.

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erstellt am 26.Okt.2016 | 11:41 Uhr

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