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Wir in Lüblow : Einmal waschen, schneiden, klönen

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

... und Kaffee und Plätzchen gibt es gratis dazu – zu Besuch bei Frisörin Jutta Weiher

svz.de von
erstellt am 20.Dez.2015 | 18:20 Uhr

Zwölf Uhr. Zeit zum Durchatmen. Die letzte Kundin ist  draußen gerade in ihr Auto gestiegen. Jutta Weiher winkt ihr hinterher. Knappe zwei Stunden  bleiben ihr nun bis zum nächsten Termin. Sie müsste jetzt eigentlich kurz nach nebenan in ihr Haus, die Waschmaschine füllen und das Essen für den Abend vorbereiten. Aber Jutta Weiher nimmt sich die halbe Stunde, kocht Kaffee und bietet Plätzchen an. „Die habe ich nicht selbst gebacken“, sagt sie.  „Die bringen mir  die Kunden mit.“

Seit fast vierzig Jahren arbeitet die Lüblowerin als Friseurin in ihrem Dorf. Erst als Angestellte bei der Produktionsgenossenschaft  im Alten Kulturhaus, dann nach der Wende machte  sich die Friseurmeisterin selbstständig im umgebauten  Schuppen ihres Hauses. Das steht am unbefestigten Ende einer Sackgasse - weit weg vom Dorfzentrum. Ein Firmenschild vorn an der Hauptstraße? „Oh nein, das haben wir bewusst nicht aufgestellt“, sagt  Jutta Weiher.  „Die Kunden kennen den Weg.“ Manche kommen direkt mit dem Regionalzug, der keine fünfzig Meter entfernt von ihrem  Haus hält, andere spazieren durchs Dorf zu ihr. Und die,  die nicht gut zu Fuß sind,  holt Jutta Weiher persönlich ab. Sie kommen aus Göhlen, Kummer, Rastow. Oder Uelitz - wie  Heidi Schmedemann. Die Rentnerin  ist Stammkundin seit zwanzig Jahren. „Wir haben schon viel  Verrücktes gewagt“, erzählt sie. „Mal blond, mal  braun, mal rot gesträhnt. Es wär’ ja langweilig, wenn  ich hier immer mit der selben Frisur rausgehe.“

Experimentieren - das mag Jutta Weiher.  Dafür hängt sie nach Feierabend auch gern  mal zwei Stunden dran, flechtet aufwändige Strähnen oder filzt lange Rastazöpfe.  Einmal sei ein Abiturient aus Ludwigslust zu ihr gekommen. „Mit so einem schönen Lockenschopf.“ Später verließ er den Salon als Punk mit hoch stehenden Eiszapfen in allen Farben. Cool habe er das gefunden. Nur seine Lehrerin nicht. Die ließ ihn mit der Frisur zuhause, während seine Klasse  einen Ausflug nach Berlin machte.

Sie würde sich immer wieder den Frisörberuf aussuchen, sagt Jutta Weiher. Auch wenn sie dafür auf manches verzichten muss. Ihr längster Urlaub  von zehn Tagen liegt ewig zurück, und geregelte Feierabende kennt sie nicht. Der Salon ist ihr Leben und für die Lüblower  aus dem Dorf nicht mehr wegzudenken. „Hier  wird viel geschnackt und gelacht,  wir tauschen oft Rezepte aus und manchmal schauen auch  die Kinder auf ihren Streifzügen durchs Dorf bei mir herein“,  erzählt Jutta Weiher. „Es ist ein bisschen so wie in einer großen Familie.“

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