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Ludwigsluster Tageblatt

19. November 2017 | 02:19 Uhr

Ludwigslust : „Gefühlt wie in einer Hotline“

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Frau hofft auf Hilfe und landet bei einer mehrsprachigen Tonbandansage

svz.de von
erstellt am 26.Okt.2017 | 20:55 Uhr

Es ist zwei Uhr nachts, als sich Julian L.* mit letzter Kraft zu seinen Eltern ins Schlafzimmer schleppt. Der 34-Jährige aus einem Dorf bei Ludwigslust hat Kreislaufprobleme, zittert am ganzen Körper, kann nicht mehr aufstehen und friert. Die Eltern sind in großer Sorge um ihren Sohn, Mutter Margit S.* wählt sofort die 112. „Doch am anderen Ende der Leitung erwartete mich zunächst keine Hilfe, sondern erst einmal eine mehrsprachige Tonbandansage und danach Musik“, erinnert sich die 61-Jährige. Für die Familie ging der Notfall glimpflich aus, doch für die Situation am Telefon haben sie kein Verständnis.

Als nach dem Wählen der 112 eine mehrsprachige Tonbandansage beginnt und danach Musik abgespielt wird, legt Margit S. vor Schreck auf. „Ich hörte Englisch, Russisch – insgesamt mindestens fünf Sprachen. Ich dachte tatsächlich, dass der Notruf defekt ist. Ich stand so unter Stress und hatte Angst um meinen Sohn.“ Deshalb ruft sie sicherheitshalber die 110 an, um sich zu vergewissern, dass kein Fehler bei der Leitung vorliegt. „Aber da sagte man mir, dass das ganz normal sei und dass ich einfach in der Leitung bleiben solle“, so die 61-Jährige.

Seit mittlerweile gut einem Jahr gibt es die mehrsprachige Ansage, die aktiviert wird, wenn gerade alle Mitarbeiter der Leitstelle in Schwerin in einem Telefonat sind. Mehrsprachig u.a. aufgrund der aktuellen Flüchtlingssituation. „Außerdem sind wir ein Transitland. Sehr oft haben wir Notrufe von ausländischen Lkw-Fahrern. Die wissen dann auf jeden Fall schon mal, dass sie bei uns richtig sind“, erklärt Edwin Mörer, Leiter der Leitstelle. Die Mitarbeiter in Schwerin sprechen neben Deutsch teilweise auch Englisch und Russisch. „Außerdem haben wir natürlich nur eine begrenzte Anzahl Mitarbeiter und wenn gerade alle telefonieren und sich um Notfälle kümmern, wollen wir die Anrufer so in der Leitung halten“, so Mörer weiter. Hat ein Mitarbeiter das Gespräch beendet, wird der nächste Notruf sofort durchgestellt. „Und das dauert in der Regel auch nur wenige Minuten“, so Edwin Mörer.

Für Margit S. fühlten sich diese Minuten wie eine Ewigkeit an. „Ich habe mich gefühlt wie in einer Hotline. Man hat einen medizinischen Notfall, weiß nicht was dem eigenen Kind fehlt. Und dann hängt man ewig in einer Warteschleife.“ Vom ersten Anruf bis zum Eintreffen der Rettungskräfte vergingen ungefähr 40 Minuten. „Diese haben sich dann super um mich gekümmert. Die haben damit direkt ja auch nichts zu tun“, stellt Sohn Julian L. klar.

Aber auch die Leitstelle in Schwerin erreichten schon Beschwerden bezüglich dieser Überbrückung am Telefon, wie Edwin Mörer es nennt. „Die Leute haben Probleme mit der Ansage, mit der Mehrsprachigkeit und der Dauer, bis ein Mitarbeiter in der Leitung ist.“ Aus den Mitschnitten der Anrufe könne man jedoch erkennen, dass die Zeiten noch im Rahmen liegen und sich ordnungsgemäß um jeden Notruf gekümmert werde.

Julian L. konnte nach drei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden, Ursache für seinen Zusammenbruch war ein Zeckenbiss. „Ich bin froh, dass die Geschichte so für mich ausgegangen ist. Aber bei einem Schlaganfall oder Herzinfarkt hat man sicher nicht so viel Zeit in der Leitung zu warten“, sagt der 34-Jährige. Er und seine Mutter hoffen, dass sie nie wieder in eine solche Situation kommen. Edwin Mörer rät jedem Anrufer, in einem Notfall die Ruhe zu bewahren. „Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Aber es ist wichtig, unbedingt in der Leitung zu bleiben. Anrufer sollten nicht auflegen, um es dann wieder zu versuchen.“

* Namen von der Redaktion geändert

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