Streit um leinenzwang : Gefährden Vierbeiner Dorffrieden?

Der 36-jährige Markus Meissner   ist seit drei Monaten in Tessin. Zusammen mit Mischlingsrüden „Nuno“. Der gibt ihm Halt im Leben und bei der Therapie.  Fotos: Thorsten Meier
Der 36-jährige Markus Meissner ist seit drei Monaten in Tessin. Zusammen mit Mischlingsrüden „Nuno“. Der gibt ihm Halt im Leben und bei der Therapie. Fotos: Thorsten Meier

In Tessin beklagen sich Anwohner der Suchtklinik über freilaufende Hunde. Sie achten ganz genau auf den Leinenzwang.

svz.de von
02. Dezember 2013, 12:11 Uhr

„Ich würde gern mal mit meinem Großneffen durch das Dorf spazieren. Aber ich habe Angst um unser beider Gesundheit, denn drei bis fünf Hunde laufen hier regelmäßig frei herum. Sie gehören zu den Insassen der Suchtklinik“, beklagt Regina Grohs. Die 52-Jährige spricht auch von Hundekot, der überall herumliege. „Selbst an den Straßenrändern liegen mittlerweile die Tüten mit den Hinterlassenschaften. Es ist widerlich. Unser Dorf wird immer öfter als Drecknest beschimpft. Ich schäme mich für den Ort und finde, dass niemand solche Zustände hinnehmen muss“, sagt die gebürtige Tessinerin.

Auch Reinhard Gohs kann ein Lied davon singen, ist er doch erst kürzlich wieder in einen der übel riechenden Haufen getreten. „Ich wollte mein Grundstück von Rankpflanzen befreien, kletterte auf die Leiter und habe dann bemerkt, dass ich mir die Hose am Knie mit Hundekacke beschmiert hatte. Das ist total eklig“, schimpft der 49-Jährige. Er habe bereits mehrmals die Gemeinde wegen des Leinenzwangs angeschrieben, doch sei ihm geantwortet worden, den gäbe es nicht.

Das will und kann Diplommediziner Alf Kroker, Chefarzt der Tessiner Suchtklinik, so nicht im Raum stehen lassen. „Jeder unserer 47 Patienten bei uns weiß um die Anleinpflicht der Vierbeiner, von denen es 20 gibt. Wir achten ganz akribisch darauf. Es gibt drei eingezäunte Ausläufe im Park, wo sich die Hunde frei bewegen können. Wird ein Hundebesitzer außerhalb dieses Bereiches dabei erwischt, dass er sein Tier nicht angeleint hat, bekommt er von den Mitpatienten eine kleine Arbeitsaufgabe als Sanktion erteilt. Im Wiederholungsfalle droht sogar ein Abbruch der Therapie“, berichtet der 62-Jährige weiter. Doch zu einer solch drastischen Maßnahme habe man noch nie greifen müssen, weil die Einsicht immer größer sei als die Nachlässigkeit. Dass von 20 Hunden natürlich auch mal einer ausbüxen könne, käme auch bei allergrößter Sorgfalt vor, räumt der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie aber auch ein. „Mit den fast 50 Drogenabhängigen im Ort und ihren Hunden funktioniert es erstaunlich gut“, meint Kroker, der über 30 Jahre in der Suchthilfe tätig ist und seit 18 Jahren in der Tessiner Fachklinik für Drogenabhänge Menschen hilft, sich ihrer Süchte erfolgreich zu entwöhnen. Auf der Homepage der Fachklinik wird übrigens eigens darauf hingewiesen, dass Katzen und Hunde nach vorheriger Absprache in den bis zu sechs Monaten dauernden Therapien mitgebracht werden könnten. Selbst Kampfhunde und Kampfhundmischlinge könnten bei Vorliegen eines geeigneten Wesenstest mitgebracht werden. Der Impfausweis müsse vollständig sein. Die Hunde seien in der Regel mit im Zimmer untergebracht. Die Aufsichtspflicht habe der Besitzer. Aufsichtspflicht und Haltung müssten so erfolgen, dass weder Mensch noch Tiere gefährdet oder gebissen würden, heißt es wörtlich. Für die Versorgung des Hundes wie Futter, Decke, Korb, Auslauf und Sauberkeit im Zimmer sei der Besitzer allein verantwortlich.


Haustier ist oftmals der Grund, um auf Therapie zu verzichten


„Für viele unserer Patienten ist der Hauptgrund, um eine Therapie nicht anzutreten, das Haustier. Es ist oftmals die letzte ehrliche Partnerschaft für diese Menschen, die noch existiert. Nennen Sie es meinetwegen auch Lebensstütze“, erklärt der Mediziner den Therapieansatz und warum man sich entschieden habe, Tiere mit aufzunehmen. „Seelische Probleme machen sich immer in der Partnerschaft bemerkbar. Oft fehlt die Fähigkeit, diese zu leben. Von einem Hund bekommt man nur ehrliche Liebe. Ums Verrecken würden unsere Patienten ihre Tiere niemals weggeben, viele leben nur für sie“, erzählt Kroker.

Dann stellt er im SVZ-Gespräch Markus Meissner vor. Der 36-Jährige ist seit drei Monaten in Tessin. Zusammen mit seinem Mischlingsrüden „Nuno“. Seit acht Jahre sei der bei ihm, verrät der junge Mann. „Ich habe ihn an einer Mülltonne gefunden, da war er gerade mal vier Wochen alt. Seitdem sind wir beide unzertrennlich“, verrät Markus Meissner. Das Tier schenke ihm vorurteilsfreie Zuneigung, Gesellschaft und ganz viel Treue, was man von Menschen leider nicht immer behaupten könne. „Aus Gesprächen mit Jägern weiß ich auch, dass sie jeden freilaufenden Hund im Wald erschießen würden. Ich will keinen Stress wegen meines Hundes. Und mache ihn nur dort von der Leine los, wo es erlaubt ist. Ich kann aber auch ganz gut die Leute im Ort verstehen und würde es auch nicht wollen, wenn ein fremder Hund durch meinen Garten läuft.“

Sindy Benisch, Fachdienstleiterin für Ordnungsangelegenheiten im Amt Wittenburg, nimmt das Thema freilaufende Hunde und ihre Hinterlassenschaften ernst: „Wir gehen jedem Hinweis aus der Bevölkerung sorgfältig nach. Doch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es keinen Leinenzwang. Außer für Kampfhunde. Aber jeder Halter hat die Pflicht, dafür zu sorgen, dass sein Tier nichts verschmutzt und niemanden verletzt. Zur Klinikleitung haben wir seit Jahren einen guten wie auch kurzen Draht. Gibt es Probleme, so unsere Erfahrungen, so ist man dort immer an einer schnellen Lösung interessiert. Und führt sie auch herbei.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen