Naturschützer Wolf Spillner : “Gebt den Wolf zur Jagd frei“

Wolf Spillner mit dem Porträt einer Wespenspinne, auch Seidenband- oder Zebraspinne genannt
Wolf Spillner mit dem Porträt einer Wespenspinne, auch Seidenband- oder Zebraspinne genannt

Der Fotograf und Schriftsteller Wolf Spillner feiert in seinen Arbeiten die Natur in all ihrer Schönheit. Und er hat eine klare Meinung zum Naturschutz.

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20. Februar 2019, 12:00 Uhr

Spillner hat Humor. Wissen wir aus früheren flüchtigen Begegnungen. Also wollen wir vom Wolf auf die Wölfe kommen. Der erste Wolf ist schlicht ein verkürzter Wolfgang. So steht es im Pass. Dem Redaktionsleiter der Zeitschrift „Der kleine Tierfreund“, für die Spillner als 16-jähriger Volontär in Hamburg schrieb, empfahl damals, den Gang rauszunehmen. So ist es bis heute beim Wolf geblieben. Und die Wölfe, fragen wir den Naturburschen mit dem schlohweißen Rauschebart, was ist mit den Wölfen, die seit einiger Zeit durch reale und Medienwälder heulen? „Das ist an sich ganz einfach“, sagt Spillner in seiner gemütlichen Küche bei einer Tasse Tee. „Selbst als Naturschützer muss man doch sagen: Gebt den Wolf, geschützt durch EU-Gesetze, zur Jagd frei. Sonst geht es uns wie mit dem Marderhund oder dem Waschbären. Auch die richten großen Schaden an.“

Doch natürlich sind die Wölfe nicht vordergründig unser Thema. In gut zwei Wochen eröffnet der leidenschaftliche Naturfotograf eine kleine Ausstellung mit Bildern aus den vergangenen drei Jahren. Anlass zu einem Treffen mit dem lange nur aus der Ferne bewunderten Ludwigsluster.

Doch als Spillner dann gleich zu Beginn unserer Begegnung einige seiner Fotos zeigt, die er für die Schau ausgewählt hat, lässt er sich die Gelegenheit zu einem kleinen Vortrag in Ornithologie im Schnelldurchlauf nicht entgehen und spart das Thema Naturschutz nicht aus. Natürlich nicht.

„Hier, ein Seidenschwanz, Gast aus dem hohen Norden. Früher gefürchtet, weil man glaubte, er kündige die Pest an. Oder hier, ein Mittelsäger. Nur noch 400 Paare dieser Enten brüten an deutschen Küsten. Vom Seeadler gibt es schon wieder 1000 Brutpaare.“ Dagegen die Kiebitze in der Lewitz, in der Spillner mit seiner schweren Fotoausrüstung noch immer unterwegs ist, meist mit dem Fahrrad, alle weg. „Wieder mal alles schnell und alles falsch gemacht. Darüber werden unsere Enkel nur den Kopf schütteln. Mais ohne Ende auf den Feldern, darüber freuen sich zwar Schwan und Kranich, Kiebitz und Schwalbe leider nicht.“

Schaut man auf Spillners Kindheit und Jugend, wird schnell klar, dass die Natur ihn von Anfang an umarmte. Ihrer Liebe konnte er sich einfach nicht entziehen, dort im kleinen Waldhaus in der Lüneburger Heide, wo er drei Kilometer vom nächsten Dorf entfernt allein mit seiner Mutter lebte – ohne Strom und fließendes Wasser. „Um mich rum reine Natur, Wiesen, Weiden, Wald – alles meins.“

Vom letzten Geld, das den Spillners vom Verkauf ihres alten Häuschens im Harz geblieben war, kaufte die Mutter ihrem Sohn eine Kleinbildkamera, mit der er Rehe, Moose und Pilze fotografierte. Damit sollte er fortan nicht mehr aufhören. Auch wenn heute die digitalen Kameras mit den gewaltigen Teleobjektiven ein Vielfaches wiegen und die Filme nicht mehr in der eigenen Dunkelkammer entwickelt werden müssen.

Nach der Hamburger Oberschule für Knaben hatte Spillner wenig Lust auf die Bundeswehr. Also ging er in die DDR und arbeitete als Fotograf für die „Schweriner Volkszeitung“. Traktoristen, LPG-Vorsitzende, Szenen aus der Arbeitswelt waren nun seine Motive. Sein leicht selbstbewusster Anspruch: „Ich will einer der großen DDR-Fotografen werden.“

Als er dann aber dabei erwischt wurde, wie er seine aus Hamburg mitgebrachte Kamera in Westberlin verkaufte und mit dem günstig getauschten Geld im Osten einen neuen Apparat kauften wollte, wurde Spillner wegen Devisenhandels zu 18 Monaten Haft in Bützow verurteilt. Danach arbeitete er sieben Jahre auf dem Bau, machte seinen Facharbeiter – und begann wieder, Tiere zu fotografieren. Vor und nach der Arbeit nistete er sich auf einem Baum in einer Graureiherkolonie ein. Die Serie, die so entstand, brachte dem jungen Fotografen den 1. Preis im Wettbewerb der Zeitschrift „Der Falke“ ein und die Anerkennung von Professor Heinrich Dathe, dem berühmten Zoologen und Direktor des Berliner Tierparks. Der schickte ihn gleich zum Deutschen Landwirtschaftsverlag – so wurde der Fotograf zum Autor. 29 Bücher hat Wolf Spillner veröffentlicht: Kinder- und Jugendromane, Bildbände mit Tierfotografien über Seeadler an mecklenburgischen Seen oder über Wild- und Graugänse. Für sein Kinderbuch „Taube Clara“ bekam er 1991 den Deutschen Jugendliteraturpreis, sein Roman „Wasseramsel“ wurde von der Defa unter dem uninspirierten Titel „Biologie!“ verfilmt.

Für eine seiner Serien kletterte Spillner wochenlang frühmorgens noch im Dunkeln in ein Baumversteck, um dort oben Seeadler bei der Aufzucht ihrer Jungen im nahen Horst zu beobachten. Die Ausbeute – sensationelle Fotos. „Doch oft kam ich von einem meiner Fotostreifzüge nach Hause und sagte zu meiner Frau nur ein Wort: Milva. Die sang in einem ihrer Lieder ,Wieder mal umsonst gehofft, wieder mal wie schon so oft‘.“

Seinem Kanu, mit dem er auf Recknitz, Trebel und sibirischen Flüssen gepaddelt ist, hat der inzwischen 82-Jährige den Namen „Mein Letztes“ gegeben. Gerade sitzt er auf gepackten Koffern, um noch einmal am Eismeer, zu dem er dreimal mit dem Rad gefahren ist, Prachteiderenten zu fotografieren. Wer weiß, vielleicht gelingt ihm dort oben eine ähnliche Aufnahme wie die eines Kormorans in der Paarungszeit in exotischen Farben. Als schaue man in das Antlitz eines Vogels vom Amazonas, feiert der Fotograf hier ein Geschöpf der Natur in all seiner Schönheit.

Holger Kankel




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