Ludwigslust 1989 : Für die Freiheit auf die Straße

Tausende  kamen am 4. November 1989 in Ludwigslust zu einer friedlichen Kundgebung zusammen.  Repro: Hans-Joachim Marschall
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Tausende kamen am 4. November 1989 in Ludwigslust zu einer friedlichen Kundgebung zusammen. Repro: Hans-Joachim Marschall

Erinnerungen an das Friedensgebet und Kundgebung vor 25 Jahren in Ludwigslust / Tausende beim Marsch durch die Stadt mit dabei

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04. November 2014, 07:00 Uhr

Es ist der 4. November 1989. In der Ludwigsluster Stadtkirche haben sich zum Friedensgebet um 16 Uhr wieder mehrere hundert Menschen eingefunden. Sie alle sind gekommen, um ihren Forderungen nach Freiheit, nach Veränderungen, nach Aufbruch Ausdruck zu verleihen. Zeitzeuge Pastor i.R. Wilfried Romberg, der das Friedensgebet eröffnete, erinnert sich. „Die Gemeinschaft der vielen war es, auf die Straße zu gehen, um Veränderung zu bewirken. Die Straße ist die Tribüne des Volkes überall dort, wo es von anderen Tribünen ausgeschlossen wird. Die Demonstration ist ein legitimes Mittel, um die Mächtigen daran zu erinnern, wofür und für wen sie da sind. Viele Menschen finden in diesen Tagen den Mut, sich für Veränderungen einzusetzen. Als mündige Bürger wollen wir eigenständig entscheiden können.“

Nach dem Friedensgebet formierte sich der Zug der Demonstranten von der Stadtkirche durch Ludwigslust. „Wir waren uns sicher, dass nichts mehr passieren könnte. Mit der Polizei war die Kundgebung und der Umzug abgesprochen, sie fuhr mit ihren Fahrzeugen voran“, so Wilfried Romberg. „Als sich der friedliche Zug die Schlossstraße hinauf bewegte und wir an der Post vorbeikamen, hatten wir Angst, dass es dort zu Provokationen kommen könnte, weil in der Post die MfS saß und alles beobachtete“, sagte der ehemalige Stiftspropst Gustav Adolph Günther. Die Menschen hatten Kerzen dabei, diese wurden nicht nur zum Schloss hinauf und auf dem Schlossplatz abgestellt. Auch an der SED-Kreisleitung. „Wie wir die Lindenstraße entlangzogen, taten wir das schon mit teils entspannten, aber auch ernsten Gesichtern“, warf der ehemalige Stiftspropst Günther, der damals mit der Oberin des Stifts, Schwester Elisabeth im Zug mit dabei war, einen Blick zurück in jene aufregenden Tage des Aufbruchs und der Veränderungen. „Als wir an der SED-Kreisleitung vorbeigingen, war uns, als ob jemand hinter den Gardinen geschaut hat.“

Als der Demonstrationszug an Post und Kreisleitung vorbeizog, war die Stimmung noch angespannt. „Aber als wir dann in Richtung Stift marschierten und ins Neubauviertel einbogen, war die Atmosphäre lockerer und entspannter. Die Polizei fuhr voran und hat dem Mob die Straße bereitet“, sagte Wilfried Romberg in Anspielung auf eine Äußerung des damaligen Vorsitzenden des Rates des Kreises, der die Demonstranten als „Mob“ bezeichnet hatte.

Aber jeden Tag zeigte es sich mehr, wie die Kraft der Gemeinschaft wuchs, etwas zu bewegen, zu verändern. „Die Angst wurde von mal zu mal weniger, denn wir haben ja auch mitbekommen, was in den anderen Städten passiert“, sagte Zeitzeuge Hans Jürgen Zimmermann, der auf dem Schlossplatz selbst das Megafon ergriff und zu den Menschen sprach. Auf Transparenten hatten die friedlichen Demonstranten das formuliert, was sie bewegt: „Zulassung des Neuen Forums“, „Freie Wahlen“, „Verschweigen=Lügen“ und „Wir Schüler wollen die Wende, aber die Lehrer kriegen die Kurve nicht“, „Mitdenken, Handeln, Hinterfragen“ und viele andere Forderungen waren dort zu lesen. Transparente von damals waren jüngst beim Gedenkgottesdienst in der Stadtkirche Ludwigslust zu sehen.

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