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Ludwigsluster Tageblatt

25. November 2017 | 12:43 Uhr

Ludwigslust : Franziska trifft Franziska

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Die Frage ist gut gestellt, mit der sich die Heinrich-Böll-Stiftung MV an die Besucher ihrer seit Dienstag im Ludwigsluster Rathaus gezeigten Wanderausstellung "Frauen, die Mecklenburg-Vorpommern bewegen" wendet.

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erstellt am 04.Apr.2012 | 05:58 Uhr

Ludwigslust | Die Frage ist gut gestellt, mit der sich die Heinrich-Böll-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern an die Besucher ihrer seit Dienstag im Ludwigsluster Rathaus gezeigten Wanderausstellung "Frauen, die Mecklenburg-Vorpommern bewegen" wendet. Diese bedenkenswerte Frage lautet, welche Persönlichkeiten einem spontan einfielen, wenn man an Mecklenburg-Vorpommern denkt? Uwe Johnson, Ernst Barlach oder Otto Lilienthal?

Junge Arzthelferin trifft in der Ausstellung auf erste Ärztin

Aber gab es denn gar keine weiblichen Persönlichkeiten? Genau darauf wollen die jeweils einer Frau gewidmeten 17 Schau-Tafeln Antworten geben: "Mit unserer Ausstellung rücken wir Frauen ins Licht der Öffentlichkeit - Frauen, die Mecklenburg-Vorpommern bewegen", heißt es in den Begleitmaterialien der Böll-Stiftung. Und zwar mit ihrer Biografie, ihren Visionen und ihrer ganz eigenen Geschichte. Gezeigt würden Frauen, die entweder in Mecklenburg oder (Vor)Pommern geboren wurden oder eine Zeit ihres Lebens hier zu Lande gelebt haben oder noch leben. "Sie alle haben unsere Zivilgesellschaft damals und heute geprägt."

Zufall oder kein Zufall? Zunächst wohl doch eher zufällig war die 26-jährige Ludwigsluster Arzthelferin Franziska Marcinek am Dienstagnachmittag in die Vorbereitung der Ausstellungseröffnung geraten, da sie eine Freundin aus dem Rathaus abholen wollte. Dann bemerkte sie die Schau-Tafeln und schaute sich gewissermaßen gleich die richtige an: Denn erstens steht die dort vorgestellte Frau tatsächlich am Anfang aller gezeigten Frauen, zweitens hieß sie auch Franziska mit Vornamen und zum dritten war die am 24. Januar 1843 auf Gut Bisdamitz auf Rügen geborene Franziska Tiburtius eine besondere Frau und eine der ersten deutschen Ärztinnen. Sie hatte schon als junge Frau Medizin studieren wollen, doch wurde sie als Frau damals an keiner deutschen Universität zum Medizinstudium zugelassen. Daher zog Franziska Tiburtius 1871 nach Zürich, wo sie bereits 1876 mit hervorragenden Leistungen zum Doktor der Medizin promovierte. Dennoch sollte sie in Deutschland keine ordentliche Zulassung bekommen, weder in Leipzig noch in Dresden. Enttäuscht ging sie nach Berlin, wo sie gemeinsam mit einer Freundin eine Privatpraxis gründete. Die beiden Frauen waren die ersten deutschen Ärztinnen mit eigener Praxis, die sich jahrelang Anfeindungen und Vorbehalte ihrer männlichen Kollegen gefallen lassen mussten. 1908 gründete Tiburtius mit einer weiteren Studienkollegin die "Chirurgische Klinik weiblicher Ärzte" - im selben Jahr wurden an den preußischen Universitäten auch Frauen als Studierende der Medizin zugelassen. Ihr Leben lang kämpfte Franziska Tiburtius, die 1927 in Berlin starb und in Stralsund beerdigt wurde, mit Mut und Intelligenz gegen Vorurteile, Niedertracht und Dummheit. Im Gedächtnis bleibt ein auf der Schau-Tafel nachzulesendes Zitat aus ihren Erinnerungen: "Mehrere tausend Patientinnen gingen uns im Laufe eines Jahres durch die Hände, und wir hatten das erhebende Gefühl, wirklich Nutzen zu schaffen."

Franziska, die jüngere, zeigte sich nach der ersten Lektüre der spannenden Biografie beeindruckt von Leben und Werk dieser ersten deutschen Ärztin und wird auch anderen Ludwigslustern empfehlen, sich diese Ausstellung im Rathaus anzusehen. Man wisse schließlich noch nicht genug über den Anteil der Frauen am Fortschritt in Mecklenburg-Vorpommern.

Neben Franziska Tiburtius bietet die bis zum 27. April zu den Öffnungszeiten des Ludwigsluster Rathauses zu betrachtende Exposition Gelegenheit zur ersten oder näheren Bekanntschaft mit weiteren 16 Frauenporträts - dazu gehören zum Beispiel die 1847 in Waren geborene "Mutter" der Frauenschulbewegung, Auguste Sprengel, die später in Berlin die erste deutsche Frauenschule eröffnete, die 1859 in Rostock geborene Übersetzerin und Lektorin für Dänisch, Mathilde Mann, die als erste Frau mit einer Ehrenpromotion der Universität Rostock gewürdigt wurde, die 1885 in Odessa geborene Pädagogin und Entwicklungspsychologin Rosa Katz, die zwischen 1919 und 1935 in Rostock lebte und gemeinsam mit ihrem Mann unter anderem zur Kindererziehung forschte, die 1887 in Stolberg/Harz geborene Bildhauerin und Lebensgefährtin von Ernst Barlach, Marga Böhmer, die 1933 in Burg bei Magdeburg geborene Schriftstellerin Brigitte Reimann, die bis zu ihrem Tod 1973 in Neubrandenburg lebte, aber auch die 1964 in Leipzig geborene und in Schwerin lebende und arbeitende Künstlerin Ute Laux sowie die 1972 in Bergen auf Rügen geborene Weltmeisterin im Speerwerfen Steffi Nerius.

Die Ausstellung will ihnen einen Platz in der öffentlichen Erinnerung verschaffen und zugleich allen Frauen und Mädchen Mut machen, selbstbewusst und nicht im Verborgenen zu handeln - so wie es vor mehr als 100 Jahren schon Dr. med. Franziska Tiburtius getan hatte.

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